KLOSTER UND KIRCHE IN Bödingen

Ein Vortrag von Pfarrer Cremer

Gehalten im Jahre 1872 im katholischen Casino in Siegburg[1]

Wer war Pfarrer Cremer

Wenn man in Bödingen alte Leute nach dem Pfarrer Cremer fragt, so erzählen sie gern und begeistert von dem guten Herrn Pastor, der so ergreifend predigen konnte, in Kirche und Schule strenge Zucht hielt, von Haus zu Haus ging und nach alten Schriften und Nachrichten über das Kloster forschte und die alten Fußfälle am Wege nach Lauthausen wiederherstellen ließ. Man hört weiterhin, wie er unter vielen Mühen und großen persönlichen Opfern eine umfangreiche Restaurierung der Kirche vornehmen ließ, den Keller der Kirche öffnete und durchforschte, die alten Inschriften in der Kirche und sogar auf den Glocken studierte. Hier und da findet man noch einen, der ein kleines Schriftchen heraussucht, das Pfarrer Cremer über die Geschichte des Wallfahrtortes Bödingen verfasst hat.

Es ist geradezu erstaunlich, wozu Pfarrer Cremer neben seiner überaus eifrigen seelsorglichen Tätigkeit noch Zeit fand. Er ist der erste gewesen, der die umfangreichen Quellen über Bödingens Vergangenheit zusammentrug und mit wissenschaftlicher Genauigkeit studierte. Die „Heimatblätter“ erfüllen mithin eine Ehrenpflicht, wenn sie Pfarrer Cremer der Vergessenheit nicht anheimfallen lassen.

Die Wiege Carl Anton Cremers stand am Niederrhein. Er wurde in Hilden geboren am 2. Dezember 1831. Nachdem er mit glänzendem Erfolg am Gymnasium in Düsseldorf das Abitur bestanden hatte, widmete er sich auf der Universität Bonn dem Studium der Theologie. Am 30. August 1850 wurde er zum Priester geweiht. Seine Tätigkeit als Seelsorger begann in der Pfarrei Geistigen. Im Jahre 1860 wurde er Vikar in Lohmar und 1868 Pfarrer in Bödingen, wo er bis zu seinem Tode mit seltenem Fleiße und Erfolge wirkte. Am 10. September 1888 starb er infolge einer Gehirnentzündung und ist auf dem Friedhofe in Bödingen begraben. Der Spar- und Darlehnskassenverein Bödingen, den Pfarrer Cremer am 11. November 1879 gründete und dessen Rechner er bis kurz vor seinem Tode war, hat ihm ein schlichtes Denkmal errichtet.

Mit unermüdlichem Fleiß trug Cremer aus dem Memoirenbuche des Klosters, das sich jetzt im Staats-Archiv in Düsseldorf befindet, sowie aus alten Urkunden die Geschichte des Klosters und der Pfarrei zusammen. Seine Geschichtskenntnisse leisteten ihm hierbei wertvolle Dienste. Um die Hauptquelle der Geschichte des Klosters stets zur Hand zu haben, schrieb er mit peinlicher Genauigkeit das Memoirenbuch sowie eine Reihe anderer Urkunden ab. Die Kopie des Memoirenbuches befindet sich im Pfarrarchiv in Bödingen. Leider ist es Cremer nicht vergönnt gewesen, seine Studien in einer abschließenden Arbeit zusammenzufassen. Das von ihm bis in die kleinste Einzelheit gehende zusammengetragene Material für die Geschichte des Klosters und der Pfarre Bödingen wurde von Delvos, wie er in dem Vorwort seiner Geschichte der Pfarreien des Dekanats Siegburg angibt, verwertet. Cremers Arbeiten erstrecken sich übrigens nicht nur auf Bödingen. In seinem Nachlass befindet sich u. a. eingehendes Material über Schloss Allner, Haus zur Mühlen und die Familie Nesselrode.

Eine kurze Geschichte des Wallfahrtsortes Bödingen, die von Cremer verfasst und einem kleinen Wallfahrtsheft für Pilger vorangesetzt ist, erschien kurz vor seinem Tode (1887). Bereits 15 Jahre vorher, am 9. Juni 1872, hatte Cremer gelegentlich der Einweihung des katholischen Casinos in Siegburg einen Vortrag über die Geschichte des Klosters und der Kirche in Bödingen gehalten. Durch einen glücklichen Zufall blieb der Entwurf dieses Vortrages erhalten.

Wir glauben dem Andenken des Heimatforschers Cremer am besten dienen und gleichzeitig eine treffliehe Einführung in die Geschichte Bödingens geben zu können, wenn wir diesen Vortrag, der die Beziehungen des alten Siegburg zum Bödinger Kloster besonders hervorhebt, nachstehend zum Ausdruck bringen. Nur mit einigen unwesentlichen Kürzungen lautet er wie folgt: „Indem ich der freundlichen Einladung ihres geehrten Herrn Präsidenten, in dieser Versammlung einen Vortrag zu halten, gern entspreche, möchte ich zunächst konstatieren, dass auch außerhalb Siegburgs die lıier im Mittelpunkte des Kreises vollzogene Gründung eines katholischen Casinos mit lebhaftem Interesse und mit Freude begrüßt worden ist.

Unlängst hat in dieser Stadt die Generalversammlung des historischen Vereins für den Niederrhein resp. für die alte Erzdiözese Köln getagt. Viele Vorstandsmitglieder werden an dieser sehr besuchten Generalversammlung teilgenommenen und mit gespannter Aufmerksamkeit und großem Interesse den dort gehaltenen Vorträgen zugehört haben, die uns in die Tage der Vergangenheit des Bergischen Landes im Geiste versetzt und uns namentlich aus der Geschichte Siegburgs viel Stoff zur lehrreichen und erbaulichen Unterhaltung boten. Es gibt nun aber außer Siegburg noch manche Orte im Siegkreise, welche ihre Geschichte haben. Wer denkt nicht z. B. an die alte ehrwürdige Feste Blankenberg, den Schlüssel des Bergischen Landes, die jetzt wegen ihrer schönen Aussicht und ihrer majestätischen Ruine viel besucht und als Kurort für Landluft- und andere Kneiparten berühmte Stadt! Doch nicht gerade nach Blankenberg, sondern nach dem ihm gegenüber auf dem rechten Siegufer gelegenen Bödingen möchte ich heute Ihre Blicke lenken und Ihnen einige, wie ich meine, recht interessante historische Notizen, die ich aus alten Urkunden und Akten mir gesammelt habe über das frühere Kloster und den alten Wallfahrtsort Bödingen zum Besten geben; ich hoffe auch durch diesen Vortrag dem Zwecke eines katholischen Casinos nützlich sein zu können.

Der Vortrag von Pfarrer Cremer

Lange bevor in Bödingen sich ein Kloster erhob, war dieser Ort schon bekannt wegen des Gnadenbildes der schmerzhaften Mutter Maria, das bis auf den heutigen Tag noch in großer Verehrung steht. Bis ins 14. Jahrhundert zurück lässt sich gemäß den vorhandenen Urkunden die Geschichte des Wallfahrtsortes Bödingen verfolgen. Eine Bulle des Papstes Johannes des XXlll. vom 10. September 1412, welche die Bestätigung der von dem Pastor Peter Meisenbach in demselben Jahre in der Kirche zu Bödingen dotierten 4 Vikarien betrifft, spricht von der großen Andacht und Verehrung, welche das christliche Volk von alters her zur schmerzhaften Mutter Maria in Bödingen hegte. In einer Urkunde des Herzogs Adolph von Jülich - Berg vom 24. August 1423 heißt es:

Und umb dat wir vom Gronde unsers Herzen begehrende syn, dat der Dienst Gottes gebreidt und gemeeret werde in unsern Landen und sonderlings allda zu Bödingen, weil die gebenedide Moeder uııses Herrn sonderlings barmherzig und genedich allda in oeveruus große Mirakeln und Zeychen, die Zyt vor Zyt alldar geschient[2].

Anfang April des Jahres 1397 wurde der Bau der schönen gotischen Kirche begonnen, und zwar durch den damaligen Pastor zu Geistingen, wozu Bödingen als Filiale gehörte, Peter von Meisenbach, gebürtig aus Siegburg aus den Ecken[3].

Es bestand aber schon früher bei Altenbödingen im Walde ein Mutter-Gottes-Kapellchen oder ein sog. Heiligenhäuschen, auf dessen vorgefundenen Fundamenten vor einigen Jahren ein neues Kapellchen erbaut wurde. In jener alten Kapelle befand sich das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter und es scheint dort schon von sehr vielen Pilgern besucht worden zu sein. Als besonderer Verehrer der schmerzhaften Mutter und des Gnadenbildes wird in den Urkunden ein frommer Junggeselle, Christian von Lauthausen, genannt; derselbe sah sich auf höhere Anregung, ter in somnis monitus, durch eine dreimalige Erscheinung ermahnt, veranlasst, das Gnadenbild an den Ort, wo es sich jetzt befindet, zu übertragen. An diese Übertragung knüpft sich eine interessante legendenartige Tradition, nämlich: Besagter Christian von Lauthausen habe beschlossen, an der Stelle, wo er das Gnadenbild vorfand, eine neue Kapelle zu erbauen und auch schon die Ausführung begonnen. Allein an jedem neuen Morgen fand er das Werk des vorigen Tages zerstört, da lud er in frommer Einfalt das Bild auf einen Esel, der nun mit seiner Bürde durch den Wald forttrabte, bis er wie festgebannt stehen blieb an dem Orte, wo die jetzige Kirche erbaut ist. So die Legende, die noch im Munde der Leute fortlebt[4].

Der wie gesagt im Jahre 1397 begonnene Bau der Kirche wurde 1408 vollendet. Der Erbauer derselben, Pastor Peter von Meisenbach, hatte die einstigen Opfergaben, welche die zum Gnadenbilde von allen Seiten strömenden Pilger darbrachten, sorgfältig gesammelt und mit diesen sowie mit seinem eigenen Vermögen im Stillen neun Höfe und verschiedene Renten erworben zur Dotation für vier Vikarien, die im Jahre 1411 und 1412 an der Kirche oder, wie sie gewöhnlich bezeichnet wird, Kapelle zu Bödingen errichtet wurden.

Die neun Vikariehöfe waren der Bödinger Hof zu Kümpel, drei Höfe zu Geisbach, ein Hof zu Rauschendorf, ein Hof zu Steindorf (Klynkarz – Erbe genannt) ein Hof zu Menden (Bukaner - Erbe genannt), ein Hof zu Niederkassel und ein Hof zu Bruchhausen. An Renten, die zu Bödingen gehörten, werden, wie es in der Urkunde heißt, in Siegburg jährlich 2 flor. rheinisch am Feste des heiligen Bischofs Martinus von einem Hause oder Hofe, des sogenannten Honk in Pelsekyns in der Mölengasse und desgleichen 3 Mark kölnisch von einem Hause bei Wydenyst auf dem Markte zu Siegburg gezahlt.

Nachdem Pastor Peter von Meisenbach schon gleich bei Beginn des Kirchenbaus seinen Wohnsitz von Geistingen nach Bödingen verlegt und den ersten vier Vikarien als Rektor mehrere Jahre vorgestanden hatte, starb er am 17. September 1417 und wurde vor dem Hochaltare in der Kirche zu Bödingen begraben[5]. Die Namen der ersten vier Vikare sind Gottschalk Voyß, der dem Peter von Meisenbach als Pastor von Geistingen folgte und als Vikar den Andreas Meisenbach, Neffe des Pastors Meisenbach, zum Nachfolger hatte, Albertus Zobbe, der später Propst des Stiftes zu Düsseldorf wurde, Walraunus Kraft und Johann Kalt.

Immer mehr stieg Bödingen mit seinem Gnadenbilde im Rufe, so dass der Landesherr Herzog Adolph von Jülich-Berg sich 1423 bewogen fand, dort ein Ordenshaus regulierter Augustiner-Chorherren zu errichten[6].

Nach erfolgter Bestätigung der Umwandlung der vier Vikarien in ein Kloster seitens des Papstes Martin V. und des Erzbischofs Dietrich ll. von Köln zogen am 27. Juni 1421 die ersten Klostergeistlichen in Bödingen ein. Sie waren entsandt aus dem Kloster zu Windesheim b. Utrecht und gehörten dem um 1380 von dem Priester Gerhard Groote aus Deventer gegründeten Orden der regulierten Chorherren nach der Regel des heiligen Augustinus an, jenem Orden, dessen Mitglied auch der im Jahre 1470 zu Agnetenberg gestorbene gottselige Thomas von Kempis war. So entstand die Canonia Mariano-Boedingensis, d. i. die Canonie von Maria Bödingen, die bei vollem Bestande 13 Canonici mit dem Prior zählte und außerdem noch viele Klosterbrüder und sogenannte Conversi in sich vereinigte[7][8].

Während Herzog Adolph mit besonderem Wohlwollen dem Kloster zugetan blieb und demselben verschiedene Schenkungen zuwandte, erwies sich nicht minder der genannte Erzbischof Dietrich II. von Köln als vorzüglicher Wohltäter und Beförderer des Klosters. Auch die späteren Herzöge von Jülich – Berg machten Schenkungen nach Bödingen. Eine vom Herzog Gerhard um 1470 gestiftete und mit dem halben Hof Rauschendorf, genannt Herren – Erve, dotierte Memorie wurde durch dessen Sohn Wilhelm mittels Schenkung der anderen Hälfte 1476 vermehrt. Herzog Johann von Jülich-Cleve-Berg inkorporierte im Jahre 1524 die Kapelle zu Dorendorp oder Hossenberg mit allen ihren Gütern und Stiftungen dem Kloster zu Bödingen. Es würde zu weit führen, alle die Wohltäter des Klosters aufzuzählen, welche das Memorienbuch auf 81 Pergamentblättern anführt. Es figurieren unter denselben Geistliche und Laien aus Rheinland und Westfalen und Holland mit oft sehr reichen Gaben und Memoiren-Stiftungen und es lässt sich mit Recht daraus schließen, dass fromme Wallfahrer selbst aus fernen Gegenden zur schmerzhaften Mutter in Bödingen kamen, wie denn auch die Tradition von Prozessionen aus Holland spricht. Merkwürdig ist noch, dass um das Jahr 1510 der Pastor von Much, Johann Knyhs eine Prozession anordnete, die jährlich einmal mit dem hochwürdigsten Gute von Much nach Bödingen, also 4--5 Stunden weit, zog. Von einem Priester und Doktor der Theologie aus Venlo, genannt Matthias de Venlo, wird besonders gerühmt, dass er sehr oft zu Fuß von Venlo nach Bödingen pilgerte, um dort zu predigen und die Beichte zu hören. Außer mehreren Patrizierfamilien Kölns haben sich auch angesehene Familien und Personen Siegburgs als Wohltäter des Klosters und der Kirche ausgezeichnet und Messestiftungen und andere Stiftungen zu Ehren der schmerzhaften Mutter dort gemacht. Ich nenne Johann Ketzgen, der eine Erbschaft bei Siegburg in der Ryntgasse, genannt den Bruysen-Erve, schenkte, Advokat Philipp Wael, Hermann zum Hyrts † 1474, der eine Ohm Wein, 2 Malter und 3 Summer Weizen, 7 Hühner und 5 Pfund Öl als jährliche Rente von Haibender Hof zu Reide vermachte, Johann Overstolz † 1466, Magister Johann Sybelen (ein Verwandter desselben, Walram Sybelen, von Blankenberg, war 33 Jahre Dechant der Christianität Siegburg und an 60 Jahre Pastor in Niederkassel und starb, 84 Jahre alt, am 19. Dezember 1497). Ferner Matthias de Droistorp und Kath. de Nederwich up dem Driesch bei Siegburg, Peter Knütgen figulus (Töpfer) † 1494, Tylman Knütgen † 1523, dessen Sohn Johann Kanonikus in Bödingen war; Hannes Swichelshagen, Hintz Flach, dann Stadtschreiber Heinrich Ovysheim † 1483 und seiner Frau Kunigunde von Grevenbroich † 1511 und begraben zu Bödingen, deren Sohn Johannes Ovysheim war der zehnte Prior des Klosters und in ihrem Hause zu Siegburg hatten die Mönche ihr Absteigequartier. Auch der siebzehnte Prior Gottfried Wormius † 1637 war aus Siegburg gebürtig. Am meisten aber verdankte das Kloster der Familie von Nesselrode, die in der Nachbarschaft auf Herrenstein besonders begütert, ihre Familiengruft in der Kirche zu Bödingen wählte, dort unter anderem einen eigenen Altar gründete und dasselbe mit den Höfen zu Hase Winkel und zur Heiden, sowie mit Renten von Menden und Lülsdorf reichlichst dotierte; über diese Nesselrodeschen Stiftungen sind noch zwei steinerne Memoirentafeln vom Jahre 1474 und 1540 in der Bödinger Kirche vorhanden[9]. Mit Epitaphien von in Bödingen begrabenen Gliedern dieses edlen Geschlechtes sowie der edlen von Attenbach, die gleichfalls dort ihre Familiengruft hatten, ist noch der Boden der Kirche bedeckt[10].

Wenn schon die angegebenen Data beweisen in welch großer Verehrung der Wallfahrtsort Bödingen in früheren Jahrhunderten beim christlichen Volk stand, so muss ich doch noch hinzufügen, dass viele sich nicht damit begnügten, der schmerzhaften Mutter Maria nur ihre Gaben in Geld und Gut dargebracht zu haben, sondern selbst von fern her ihren Wohnsitz nach Bödingen verlegten, um dort zurückgezogen von der Welt, ihre letzten Tage im Dienste Gottes und in der Verehrung der schmerzhaften Mutter mit den frommen Klostergeistlichen zu verleben; andere, deren Verhältnisse dieses nicht gestatteten, sahen darin einen besonderen Trost, wenn sie wenigstens ihre letzte Ruhestätte in der Nähe des Gnadenbildes finden konnten.

Die nach Bödingen gemachten Schenkungen wurden sorgfältig und gewissenhaft zu dem Zwecke verwandt, wozu sie von den frommen Schenkgebern bestimmt worden. Es war der Sub Prior oder Prokurator des Klosters, der mit der Seelsorge der zur Filiale Bödingen gehörenden Ortschaften, so mit der Verwaltung der von dem Klosterfonds besonders getrennten Kirchen- und Stiftungsfonds betraut war. Kapitalien und größere Summen Geldes, wie solche namentlich dem Kloster von denjenigen, welche Profess in demselben ablegten, als Mitgift zugeführt wurden, legte man meistens in Grund und Boden an, so dass zu den ursprünglichen von den vier Vikarien ans Kloster übergegangenen neun Höfen und zu den von den Herzögen von Jülich-Berg und der Familie Nesselrode geschenkten Gütern noch neue hinzukamen. Auf diese Weise erwarb die Canonie den Bödinger Klosterhof, den Hof zu Halberg, zu Ommerath, zu Happerschoß, zu Sıegburg - Mülldorf, zu Menden, zu Schnorrenberg usw. Auch auf dem linken Rheinufer hatte das Kloster Besitzungen, z. B. den Hof zu Dransdorf, eine Schenkung des Johann Schulz zu Bonn, welcher der sechzehnte Prior zu Bödingen und zugleich General des Ordens war und am 13. April 1628 starb. Es lässt sich leicht denken, dass der Ausbau des Klosters und die bauliche Unterhaltung desselben, sowie der Kirche einen großen Teil der Einkünfte in Anspruch nahmen. Auf eine bauliche Erweiterung der Klosterräume und der Kirche im 15. Jahrhundert deutet hin, dass der kölnische Generalvikar Johannes episcopus Venecomponensis im Jahre 1439 den Kirchhof mit dem Umgange (ambitus) des Klosters und 1440 drei Altäre – zu Ehren des heiligen Augustinus, des heiligen Michael und der heiligen Agnes - zu den in der Kirche schon bestehenden und 6 Altarbildern weihte. In den Jahren 1677 und 1692 scheinen die jetzt noch vorhandenen beiden Klosterflügel bis zur jetzigen Höhe aufgebaut resp. mit einem Stockwerk versehen worden zu sein. Über dem Portal des Klosters befindet sich ein Chronikum des Jahres 1732, welches darauf hinweist, dass in demselben Jahre mit der Erbauung oder der Erweiterung des Kapitelsaales die Neubauten und Umbauten am Kloster vorläufig ihren Abschluss gefunden haben.

Wenn nach dem Zeugnis der Geschichte manche Klöster durch die zufließenden zeitlichen Güter und Reichtümer der Entartung und Verweltlichung verfielen, so war dies beim Augustinerkloster zu Bödingen, das unstreitig eines der reichsten Klöster der Erzdiözese war, durchaus nicht der Fall. Freilich, wo Licht ist, da ist auch Schatten, und ich will nicht behaupten, dass einst hin und wieder Missbräuche oder unwürdiges Betragen einzelner im Kloster vorgekommen seien. Allein im Großen und Ganzen bewahrten unsere Augustinerchorherren den Geist des echten Klosterlebens. Dank ihrer vortrefflichen Ordensregel welche die Tätigkeit aller Klosterangehörigen nach dem Geiste der Selbstvervollkommnung ordnete und für die reichen Einkünfte die nützlichste Verwendung bestimmte, und dank der guten Disziplin, die durch vortreffliche Vorsteher dem Kloster aufrechterhalten wurde.

Sie lagen den klösterlichen frommen Übungen des strengen Fastens, Nachtwachens und Schweigens, der Betrachtung und dem Gebete ob, waren zum Chorgebete verpflichtet, wirkten durch Predigt, Katechese, Spendung der heiligen Sakramente eifrig in der Seelsorge und verlegten sich auf die Pflege der Wissenschaft, den Unterricht der Jugend und die Verrichtung der Werke der Nächstenliebe. Das Kloster unterhielt eine Schule, es hatte ein Noviziat zur Heranbildung von Ordensgeistlichen, eine Werkstätte für fleißige Handwerker, die dort Verdienst und Unterhalt fanden, ein Hospiz für Arme und Bedrängte, die täglich vom Kloster gespeist wurden, ein Spital für Kranke und außerdem gingen auch die Klosterbrüder auf Begehr nach auswärts, um Krankenwärterdienste zu versehen. Weithin erstreckte sich insbesondere die segensreiche seelsorgliche Wirksamkeit der Klosterherren. Das zeigte sich namentlich im Zeitalter der Reformation. Die Bödinger Mönche erwiesen sich als eifrige Verkünder des katholischen Glaubens. So haben diese Mönche die Pfarre Ückerath die schon größtenteils zum reformierten Bekenntnisse abgefallen war, gegen Ende des 16. Jahrhunderts wieder zur katholischen Kirche zurückgeführt Auch in der Pfarrei in Geistingen und Hennef waren einige vom katholischen Glauben abgefallen und hatten sich einem Prädikanten aus Hessen verschrieben. Dieser predigte während des Sommers 1610 zu Geistingen in einem Bungert neben der Kirche und hoffte um Martini in den Besitz dieser Kirche zu gelangen. Das schlug fehl, und so wandte er sich zu der dem Kloster Bödingen seit 1524 incorporierten Kapelle in Dorndorf oder Hossenberg, wo er gewaltsam eındrang. Am darauffolgenden Tage der Unbefleckten Empfängnis Mariä kam der Kanonikus Gottfried Ense von Bödingen und feierte in der Kapelle die heilige Messe, nach der heiligen Messe kam auch der Prädikant und wollte predigen. Der Kanonikus aber widerstand und sagte: „Was hast Du hier zu schaffen, Du Prädikatius!“ Der erwiderte: „Das ist mein Tempel, das ist mein Tempel!“ und fing an zu schimpfen und rief zuletzt: „Warte nur, jetzt bist Du mit den Deinigen stark, am künftigen Sonntag werde ich stärker sein.“ Obschon nun der Prädikatius am folgenden Sonntag sich nicht getraute zu kommen, so ruhte er doch nicht, sondern der Prediger klagte beim Fürsten, dass man ihn in Dorendorf am Gottesdienst verhindert und aus der Kapelle vertrieben hätte. Darauf musste der Amtmann Heider von Blankenberg die Sache untersuchen und verschaffte schließlich dem Prädikatius ein Haus in Geistingen für seine Religionsübungen, bis er auch daraus vertrieben wurde und seinen Sitz nach Herchen verlegte[11]. - Der genannte Kanonikus Gottfried Ense, von dem gerühmt wird, dass er durch seine gelehrten Predigten und Disputationen die Lutherarıer besiegte, fungierte durch 27 Jahre als Pastor von Geistingen, wie denn überhaupt mehrmals die Pfarrstellen zu Geistingen und Uckerath durch Mönche aus Bödingen besetzt waren. 1617 wird in Geistingen als Pastor Ägidius Flammersheim genannt, der später Pastor in Lohmar und Birk, zugleich Dechant der Christianität Siegburg war; derselbe wurde am 22. Februar 1646 des Nachts von holländischen Reitern gefangen weggeschleppt und musste mehr als zwei Jahre zu Orsoy im Kerker schmachten, bis er vom damaligen Prätor in Lohmar, Peter Wismann, um bedeutenden Preis losgekauft wurde.

 Das Kloster Bödingen hatte seit seinem Entstehen bis zur Aufhebung im Jahre 1804 29 Prioren oder Prälaten gehabt, meıst sehr treffliche und wahrhaft fromme Männer. Der letzte war Gottfried Ottershagen, gebürtig aus Rosbach, welcher nach Aufhebung des Klosters in Düsseldorf als Freund und Geschäftsführer des Grafen Hatzfeld lebte. Um auch einiges von den wunderbaren Gebetserhörungen, die auf die Fürbítte der schmerzhaften Mutter in Bödingen stattfanden , zu sagen, so weist schon Herzog Adolph von Jülich-Berg in der vorhin angezogenen Urkunde vom 24. August 1423 auf die Mirakel und Zeichen hin, die von Zeit zu Zeit allda geschahen. Auf einem im Jahre 1621 nach einem älteren Bilde kopierten großen Ölgemälde[12], welches in seiner Inschrift eine kurze Geschichte des Wallfahrtsortes gibt, steht zu lesen:

„Qui in deversis miseries usw.

Das heißt auf Deutsch: mit verschiedenen Leiden oder Krankheiten Behaftete fühlten, sobald sie ihre Gebete zur allerseligsten Jungfrau Maria gerichtet und die Gelübde der Wallfahrt zu dieser Stätte gemacht hatten, sich alsbald getröstet und geheilt. Ja, oft haben hier Blinde ihr Gesicht, Lahme den Gebrauch ihrer Glieder, Gefangene die Freiheit, Pestkranke ihre Genesung wiedererlangt, und was noch wunderbarer ist, selbst Tote sind zum Leben zurückgerufen worden.

Besonders scheint das Wunder der Wiederbelebung totgeborener Kinder behufs Erlangung der heiligen Taufe oft vorgekommen zu sein. Vielleicht mag es dann auch etwas stark ausgebeutet worden sein, so dass es zu einer Klage des Pfarrers kam. In einem alten Lagerbuche der Kirche zu Geistingen fand ich die Notiz:

„1617 am Feste des heiligen Calixtus (14. Oktober) kamen Ägidius Flammersheim, Pastor zu Geistingen, und die Pastoren von Hennef und Happerschoß in Prozession mit Kreuz und Fahnen, besuchten den Tempel der allerseligsten Jungfrau Maria in Bödingen und opferten eine Kerze wegen der Pest und der Epidemie, die in mehreren Ortschaften herrschte, und diese Prozession geschah auf Anordnung unseres allergnägdigsten Fürsten“.

Daher nahmen denn bei Drangsalen, in Zeit der Pest und anderen Anliegen, insbesondere die um Bödingen gelegenen Pfarreien vertrauensvoll ihre Zuflucht zur schmerzhaften Mutter und die alljährlich nach Bödingen kommenden großen Prozessionen von Uckerath, Blankenberg, Happerschoß, Geistingen, Siegburg, Stieldorf, selbst von Dattenfeld leben noch in der Erinnerung fort und sind teilweise noch in Brauch.

Unzweifelhaft haben die Klosterherren, die im Laufe der Zeiten auf Fürbitte der schmerzhaften Mutter geschehenen außerordentlichen Gnadenerweisungen und wunderbaren Gebetserhörungen sorgsam aufgezeichnet, aber leider sind diese Aufzeichnungen mit den übrigen kostbaren Büchern und Schriften des Klosters bei dessen Aufhebung nach allen Winden zerstoben und vielleicht für immer verloren[13]. Es leben noch Leute in meiner Pfarre, welche noch die zahlreichen Votivtafeln und anderen Dankeszeichen wie Ketten und Krücken, gesehen haben, die am Altar der schmerzhaften Mutter aufgehängt waren. Noch immer aber eilen alljährlich sehr viele fromme Pilger zum Gnadenbilde in Bödingen und noch immer kann man Zeuge sein von auffallenden Gnadenerweisungen, die dort auf Fürbitte der schmerzhaften Mutter den vertrauensvoll flehenden zuteilwerden.

Die Revolution, die Kriege des I. Napoleons, der Untergang des Deutschen Reiches, die Säkularisation, die unchristliche Politik hatten zu Anfang dieses Jahrhunderts mit der alten christlichen Ordnung gründlich aufgeräumt. Die Orden und Klöster traf eine gewaltsame Zerstörung; auch unser Augustinerorden in Bödingen wurde von den gleichen Schicksalen betroffen und seine Güter säkularisiert. Allein seit Jahrzehnten sehen wir diesseits und jenseits des Ozeans mit erstaunlicher Lebenskraft und Freude das klösterliche Leben neu erstehen und aufblühen.



[1] Veröffentlicht von Dr. Josef Walterscheid.

[2] Die Urkunde ist abgedruckt in Lacomblet U. B. ıv, Nr. 152.

[3] Eine Beschreibung und künstlerische Würdigung der Kirche und des Klostergebäudes findet sich in der Zeitschrift für christl. Kunst l. Sp. 28i, 293. Der Verfasser, Prof. Effmann, hat, wie er in dem Aufsatz erwähnt, eine Reihe mündlicher Mitteilungen Cremers verwertet. Vergleiche auch „Bödingen auf dem Marienberge“ 1908. (Vergriffen.)

[4] Die Sage der „weinenden“ Tiere, d. h. solcher Tiere, die auf göttlichen Ratschluss dem Menschen, der zu irgendeinem Vorhaben den Weg nicht kennt, die Richtung dahin weisen, sei es, dass es galt, eine Niederlassung zu gründen oder Städte, Burgen, Kirchen zu bauen, ist sehr alt. Esel bestimmten nach der Legende die Baustellen der Klöster Maulbronn und Moosburg in Baden, der Kirchen Allerheiligen in Baden, Altenberg im Bergischen sowie der Kapelle Eselsstett bei Querfurt. (Vergl. hierzu Deutsche Rechtsaltertümer von Anton Maillig, Wien 1929.)

[5] ln demselben Jahre ist vermutlich sein treuer Mitarbeiter, Christian von Lauthausen, gestorben

[6] Vergl. die unter (1) zitierte Urkunde

[7] Nach dem Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1930) befinden sich heute noch Augustiner - Chorherren u. a. im .Stift St. Bernhard und St. Moritz in der Schweiz, sowie in Klosterneuburg und St. Florian in Österreich. Der Generalabt ist Dr. Joseph Kugler, der derzeitige Propst von Klosterneuburg. In Deutschland befindet sich keine Niederlassung mehr.

[8] Cremer hat folgende Klosterinsassen festgestellt, die aus der jetzigen Pfarrei Bödingen stammen:

a.   Nikolaus Wyermann aus Altenbödingen, † 1467 im Kloster Bödingen.

b.   lsward Külches, Augustiner in Bödingen, vom Külcheshof in Lauthausen

c.   Wilhelm Heppen aus Lauthausen, Kellermeister in Büdingen um 1490.

d.   Adolf Wesemann aus Lauthausen, Sub Prior, † 1542.

e.   Heinrich Erke aus Lauthausen, Klosterbruder, † 1469.

Diese Namen sind von Delvos (S. 276) übernommen. Über das Verhältnis der Bödinger zu dem Kloster berichten die „Bödinger Klostergeschichten“ in der Zeitschrift des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde, Jhrg. 25, S. 176 ff

[9] Umfangreiche Vorarbeiten zu einer Untersuchung der Beziehungen der Familie Nesselrode zum Kloster Bödingen fanden sich im Nachlass Cremers

[10] Leider sind die Grabsteine bei der Renovierung der Kirche im Jahre 1889 in wenig kunstverständiger Rücksichtnahme mit einem neuen Bodenbelag überdeckt worden. Oberst von Oidtmann aus Lübeck hat eine Aufstellung der damals noch leserlichen Grabaufschriften gemacht, die in Clemens „Kunstdenkmäler der Rheinlande, Siegkreis“ S.37 wiedergegeben ist. Vergl. auch Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein 55, S. 181

[11] Wahrscheinlich handelt es sich um den lutherischen Prädikanten Johannes Prysius. Vergl. Annalen 24. S. 82

[12] Eine eingehende Beschreibung dieses sog. Fundationsbildes, findet sich in der 1908 erschienen Schrift „Bödingen auf. dem Marienberge“

[13] Pfarrer Cremer hat sich eifrig um die Auffindung der verlorenen Schriften bemüht. In den Annalen des hist. Vereins, `Bd. 42, S. 181 findet sich folgende Anfrage: „Laut Auktionskatalog Nr. XLII Bibi. theologica ist bei J. M. Heberle in Köln im Jahre 1851 folgendes Werk zur Versteigerung gekommen: Statuten, Bullen, historische Nachrichten usw. den Orden der Regulier-Kanoniker, besonders des Klosters Bödingen betreffend, 2 Bände Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts. Wo mögen diese Werke sich jetzt befinden?“ Leider waren die Bemühungen Cremers vergeblich. Die Schriften scheinen für immer verloren zu sein