Die Notjahre von 1843 - 1847

Nach der Eroberung Südamerikas durch die Spanier kam bekanntlich die Kartoffel nach Europa. Friedrich II., auch der Große genannt, förderte ihren Anbau in einer Weise, daß sie bald neben Getreide(Mehl) ein Hauptnahrungsmittel wurde.

Als die Siegermächte (über Napoleon) 1815 im Wiener Kongress das Großherzogtum Berg Preußen zusprachen, hielt die Kartoffel auch im Bergischen ihren Einzug; auch hier wurde sie Hauptnahrungsmittel.

1843, als sich ihr Anbau stark ausgeweitet hatte, stellte sich eine bis dahin unbekannte Kartoffelfäule ein, der man erst viele Jahrzehnte später mithilfe der Chemie[1] Herr wurde.

Damals aber waren die Ertragsausfälle so verheerend, daß die Bevölkerung große Hungersnot zu ertragen hatte. Als Folge davon kamen Krankheiten auf, die seuchenhaft viele Menschen dahinraffte.

Im Staatsarchiv Düsseldorf machte ich unlängst eine umfangreiche Akte ausfindig, die Zeugnis gibt von dem ganzen Ausmaß der Not. Aus ihr geht aber auch hervor, wie und in welchem Maße sich die 17 Bürgermeister und Räte der Siegkreis-Gemeinden für die hungernde Bevölkerung einsetzten.

Der Bürgermeister von Lauthausen schreibt z.B.:

"Bödingen den 17ten August 1843.

An den königlichen Herrn Landrath des Siegkreises Hochwohlgeboren auf Allner

Euer Hochwohlgeborenen beehre ich mich zur Erledigung der ... Verfügung gehorsamst zu berichten, dass in hiesiger Bürgermeisterei weder Roggen noch Roggenmehl aus dem Königlichen Magazin bezogen worden ist, dessen die hiesigen Einwohner auch jetzt nicht mehr bedürftig sind.“

Der Bürgermeıster

gez. Eich

Am 26. März des folgenden Jahres berichtet er an den Landrat:

 "...gehorsamst zu berichten, dass bei der Getreide- Verabfolgung aus dem Königlichen Magazin zu Cöln zur Linderung des Nothstandes von 1843 in meinem Verwaltungsbezirk weder Getreide noch Mehl von da entnommen worden ist, und daher eine allenfallsige Veräußerung jener Gegenstände nicht stattgefunden haben kann."

Der Bürgermeister

gez .Eich   

1845 schreibt der Bürgermeister von Lauthausen aber:

„Bödingen den 1. September 1845

Betrübende Aussicht der Kartoffelernte betreffend. Euer Hochwohlgeboren erlaube ich mir die Anzeige, dass auch in meinem Verwaltungsbezirk die vielbesprochene Krankheit der Kartoffel ausgebrochen ist und mit schnellen Schritten um sich greift. Ganze Felder Kartoffel sind schon bereits in Fäulnis übergegangen und weiß ich nicht, wie dem Elend, das sicherlich in den meisten Familien der hiesigen Bürgermeisterei im kommenden Winter einreißen wird, zu steuern ist, da Kartoffeln ihr Haupt Nahr. Produkt ist."

Der Bürgermeister

gez. Eich

Der Gemeinderat von Lauthausen tagt am 28.11.1846.

Die Niederschrift der Ratssitzung, die der Bürgermeister an den Landrat weiterleitet, hat u.a. folgenden Inhalt:

"...die Versammelten erklärten: Die Beschaffung von Roggenmehl für die ärmsten Familien der hiesigen Bürgermeisterei ist absolut notwendig und für jeden Fall 400 Scheffel Mehl"( 1 Scheffel = 40 kg )" erforderlich... nur für die ganz Armen und Hilflosen kann das höchst nothwendige Mehl auf Berechnung der Armenkasse abgegeben werden."

Unterzeichnet: Peter Sauer, Matth.Löbach, Anton Eich, Sebastian Eich, Wilhelm Kremer, Wimar Schlösser, Kolf, Wilhelm Knecht, Wilhelm Bähr, M.J. Knütgen

Mehr als erstaunt ist man über den Inhalt des Schreibens, welches der Bürgermeister 3 Tage später dem Landrat zuleitet:

"Bödingen den 3. März 1846

Verabreichung von Mehl aus den Militär-Magazinen betreffend

Der Gemeinderath hat in seiner anliegenden Verhandlung" (gemeint ist die beigefügte Niederschrift)"vom 28. Februar die Verabreichung von 400 Scheffel Mehl aus den Militär-Magazinen beantragt. Meiner Meinung dürfte es zweckmäßig sein, vor der Hand nur 100 Scheffel Mehl... zukommen zu lassen."

Der Bürgermeister

gez. Eich

Da ist man geneigt zu sagen, die fremde Not ist eine Frage der Distanz.



[1] "Alles zu seiner Zeit". Wie damals die Chemie Ernten sicherte und Menschen vor dem Hungertod bewahrte, so kann sie heute, unkontrolliert oder im Übermaß und präventiv angewandt, Schaden an Mensch und Tier anrichten