Die Brauerei Land

Wilhelm Schleicher

Vorbemerkung: Auf der Suche nach Unterlagen von der Brauerei Land stoßen wir auf einen Zeitungsartikel im Generalanzeiger vom 31.07.1968, der von unserem Mitbürger Wilhelm Schleicher verfasst worden ist. Wir drucken diese Abhandlung aus Gründen der Dokumentation in voller Länge ab.

Wilhelm Schleichers Werk werden wir in einer späteren Ausgabe würdigen, wenn die Sichtung des von ihm gesammelten umfangreichen Materials abgeschlossen ist.

J. R.

Ein Stückchen Lauthausen verschwand

Jahrzehntelang war die Brauerei Land das Zentrum des alten Dorfbildes. Eine große Sensation war es für die Lauthausener Bevölkerung als vor einiger Zeit ein großer Schaufelbagger mit dem Abbruch der ehemaligen Brauerei Land im Ortszentrum begann. Jahrzehntelang plätscherten die klaren Wasser des am Bödinger Berg entspringenden Selbaches zu Füßen des stolzen Brauereigebäudes zu Tal. Im Zuge einer vom Kreis geplanten Straßenverlegung um den Ort Lauthausen, wurden die bis zu 1,20 m dicken und bis zu 10 m hohen Ziegelsteinmauern und die um 1930 als Stütze dieser hohen Fassaden erbauten etwa 6 m hohen Strebepfeiler weggeräumt. Der dicht vorbeiführende Bach wurde in diesem Zusammenhang in Rohre verlegt. So führt heute durch dieses einst so vereinsamte. Talgebiet eine stark belebte, moderne 6,50 m breite Kreisstraße.

Bis um 1940 war die Brauerei Land noch in Betrieb. In der Beschusszeit 1945 wurden die zugehörigen Gebäude stark beschädigt und ebenso durch Witterungseinflüsse verfielen sie immer mehr dem Zahn der Zeit. Der Brauereibetrieb war von den Eheleuten Heinrich Land und Frau Klara geb. Krey um 1870 gegründet worden.

Heinrich Land stammte aus Endenich bei Bonn, seine Frau aus .Winterscheid. Aus dem damaligen Krieg kehrte Heinrich Land als Schwerbeschädigter zurück. Zunächst hatte er eine gute Anstellung in Bonn, wo er die Aufgabe hatte, zweimal täglich den Pegelstand des Rheinstromes zu messen. Die Brauereifamilie hatte sieben Kinder und ihre Wohnung im Brauereigebäude. Nach dem Tod von Heinrich Land im» Jahre 1895 wurde der Betrieb von der Witwe Land mit den heranwachsenden Kindern geführt. Christian Frings, der Vater des heutigen Lauthausener Peter Frings, wurde mit der Betriebsleitung beauftragt, der dann auch den Betrieb durch Beschaffung eines Dampfkessels und anderen Maschinen modernisierte. Später ging der Sohn Heinrich Land nach Worms zur Brauereischule und übernahm die Aufgabe als Brauereimeister im elterlichen Betrieb. Ein Sohn der Witwe Land wurde Pädagoge, zwei Söhne widmeten sich der Justiz, so dass nur noch ein Sohn und zwei Töchter die verwitwete Frau Land unterstützen konnten. Beide Töchter übernahmen des Öfteren das Pferdegespann für größere Tagesfahrten mit dem Bierwagen.

In unmittelbarer Nähe der Brauerei baute die Familie Land um 1906 ein stattliches Wohnhaus aus Ziegelstein, in dem dann auch ein Gastwirtschaftsbetrieb eingerichtet wurde. Als einziges Gasthaus im Ort erlebte der Betrieb im Laufe der Jahrzehnte einen bemerkenswerten Aufstieg, und die Brauerei hatte auch stets regen Absatz. Mit dem eigenen Pferdefuhrwerk lieferten die Lands ihre saftigen Produkte bis Kaldauen, Neunkirchen und bis weit in die Täler an Sieg und Brölbach.

In Lauthausen wurde ein Gesangverein gegründet, der dann für das gesellige Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft des Öfteren Festlichkeiten veranstaltete. Bei der Aufstellung des Pfingstmaien wurde stets ein Fässchen 'Lands Bier' verzehrt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Ernteverein gebildet, der auch jedes Jahr in einem großen Zelt ein zünftiges Erntefest beging, das stets auch von auswärts gut besucht war, weil die Lauthausener es mit viel Geschick verstanden, schöne Erntewagen mit den mannigfaltigsten Motiven aus dem ländlichen Leben herzurichten. Jahrzehntelang bestand in Lauthausen auch ein Junggesellenverein, der jedes Jahr sein Stiftungsfest mit Fähndel- schwenken in größerem Rahmen feierte. Auch dieser Verein festigte -die Dorfgemeinschaft und wahrte das gute alte Brauchtum.

 

Die Brauerei Land mit Lieferwagen um 1935 (Vorderansicht)

Wenn auch keine schriftlichen Unterlagen über die Geschichte der Brauerei Land vorliegen, so wissen die älteren Lauthausener doch noch viele interessante Begebenheiten aus ihren eigenen Erlebnissen zu erzählen.

So musste ursprünglich noch das nötige Wasser für die Brauerei von Hand gepumpt werden. Auch kannte man anfänglich noch keine modernen Kühlanlagen. Das gute Wasser an dieser Stelle dürfte auch wohl der Hauptgrund gewesen sein, hier die Brauerei Land zu gründen. In der Brauerei selbst, die mehrere riesen- große Kellerräume umfasste, war ebenfalls ein mächtiger Brunnen angelegt. Das Volumen der Lands Brauerei betrug über 20 große Lagerfässer mit je 1800 Litern Inhalt. Den älteren Dorfbewohnern ist noch in guter Erinnerung, dass diese Fässer ab und zu innen mit einer Pechschicht versehen wurden.

Man nannte dies „pichen“, um das Holz keimfrei zu halten. Um bei dem Arbeitsprozess die Innenwände der Fässer pechdicht zu machen, wurden diese auf der Straße gerollt. Die Dorfjungen begeisterte es dann wohl am meisten, wenn nach dem „Pichen“ der dicke Holzpfropfen abgeschlagen wurde. Dann gab es einen starken Knall, und der Holzstopfen flog oft bis zu 10 m weit weg.

Aufschlussreich auch, dass die Lands in dem großen Eiskeller jedes Jahr etwa 500 Pferde- bzw. Ochsenkarren Eis benötigten, das zu damaliger Zeit während der winterlichen Frostperioden in der Sieg geschlagen wurde. Viele Männer aus dem Ort und der Umgebung freuten sich, bei dem Eisschlagen einen Obolus verdienen zu können. Die großen Eisschollen in der Sieg wurden in Stücke bis zu 30 Pfund Gewicht geschlagen, damit man die Brocken besser verladen konnte. Reichte das geschlagene Eis -an der Sieg nicht aus für den Jahresbedarf, so ging man noch bis zum benachbarten Brölbach und schließlich auch noch zum Brandweiher im Dorf Winterscheid.

 

Unser Ehrenmitglied Wilhelm Schleicher wird 80 Jahre alt
von links nach rechts: G Rosauer, P Rüttgen K Rüttgen, W. Schleicher, M. Peters, J. Rosauer, Hub. Schmitz, R. Rümenapf, D. Engels, G. Klein, H. Peters fotografiert

 

Bei Einquartierungen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden in den Brauereiräumen Werkstätten eingerichtet, und später zum Kriegsende richteten sich die Dorfbewohner in den Felshöhlen einen sicheren Luftschutzkeller ein, der vor und nach derart erweitert wurde, dass er genügend Raum bot für die noch im Dorf ansässigen Bewohner. Trotz dieser Schutzhöhle hatte der Ort am Kriegsende noch einige Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen.

Es ist wohl verständlich, dass die alten Lauthausener die Brauerei Land schweren Herzens aus dem Dorfbild verschwinden sehen - wo man zur Jugendzeit eine Flasche Bier für nur neun Pfennig erwerben konnte oder sogar beim Besuch im Betrieb einen frisch gezapften „Schimmel“ gratis erhielt. Der Gastwirtschaftsbetrieb Land wird heute noch von einer Enkeltochter der Brauerei- und Gasthaus-Gründer weitergeführt.