Dörpsvezäll

Johannes Rosauer

Vorwort: Wenn die Leute von der ach so “guten alten Zeit" sprechen, verstehen sie darunter meist nicht die Jahre ihrer Kindheit, sondern jene, die sie nur vom Hörensagen kennen. Noch vor Jahren zog man gerne Vergleiche mit dem Status jener Familien aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis, die sich auf kunstvoll umrahmten Bildern raus der Kaiserzeit präsentierten. Von ihnen wusste man zu erzählen, wieviel Land sie bewirtschaftet hatten oder welche Dienste sie für ihre Herrschaften verrichten durften; ferner, welch einen hohen Wert damals die Goldmark hatte, und dass ein Liter "Klarer" nur wenige Pfennig kostete.

Und viele solcher Gespräche klangen mit der wehmütigen Feststellung aus: „Jo, dat woer fröher janz andesch", wobei “janz andesch“ so viel bedeutete wie: viel besser.

Heutzutage ist die Jungend nüchterner; sie fragt, wer wohl seinen Lebensstandard, wozu Haus, Lohn, Kleidung, Arbeitsbedingungen und vieles andere mehr gehören, mit dem der Väter oder gar Großväter tauschen möchte. In der Tat, da meldet sich keiner! Was aber auch heute anklingt, ist, dass man den gutnachbarlichen Umgang, _ die wechselseitige Hilfsbereitschaft, überhaupt die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen vermisst, wie diese damals auf den Dörfern gang und gäbe war.

Wir ahnen, dass auch dies nur die halbe Wahrheit ist insofern, als solcherart Gemeinsamkeiten selten emotional begründet waren sondern auf Zwängen beruhten, die sich aus dem Aufeinanderangewiesensein ergaben. „Bei Tage besehen“ waren sie also meist wirtschaftlicher Natur.

Noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gab es in unserer Region nur ganz wenige Nebenverdienstmöglichkeiten, z.B. die des Tagelöhners auf dem Bödinger Klostergut sowie mit Vorspanndiensten, die man den Pferdehaltern in Lauthausen zu jener Zeit anbot, als noch vollbeladene Karren und Wagen aus der Tallage nur mit Vorspann den Anstieg nach Bödingen und in den Nutscheid bewältigen konnten. Zwar änderte sich das in den Jahren 1857 - 1859, als die Eisenbahnlinie durch das Siegtal gebaut und zehn Jahre später in Hennef ein Industriewerk nach dem anderen errichtet wurde, die Dienstleistungen anboten; allein der Prozentsatz der Nutznießer blieb bis zur Jahrhundertwende unter 10 Prozent. Im Jahre 1928 betrug der Anteil der Einwohnerschaft an der Landwirtschaft noch 67 Prozent, was bedeutet, dass in der "guten alten Zeit" - welche Jahre man darunter auch verstehen mag - der weitaus größte Teil unserer Dorfbevölkerung dem Bauernstand, genauer: dem rheinischen Kleinbauerntum angehörte.

Diese Menschen rackerten sich mehr schlecht als recht mit Pferd, Ochs und Kuh ab; manchmal liehen sie sich die Gespanne aus; die Ärmsten verrichteten die Feldbestellung in Handarbeit.

Die wenigen Rinder, Kälber oder Schweine stellten einen unschätzbaren Wert dar, der wie der eigene Augapfel gehütet wurde. Wenn eine Kuh verendete, war das vielfach ein kleiner Weltuntergang.

Ganz gleich, ob eine Kuh kalbte, Heu oder Getreide einzufahren war ober bei der Kartoffelernte viele fleißige Hände benötigt wurden: Immer waren Nachbarn zur Stelle, die wie selbstverständlich halfen.

 

Im Sommer 1959 reichte das Wasser in der Lauthausener Furt nicht bis an die Radnaben des Leiterwagens: Heinrich Sauer mit Frau Veronika und Barbara Engels auf dem Weg zur "Bing".

Analog war die Gegenleistung; bei Überschreitung der Toleranzgrenze glich der Begünstigte mit Sach- und Dienstleistungen aus. Gute nachbarschaftliche Beziehungen und Hilfsbereitschaft ergaben sich so zwangsläufig.

Auch die Handwerker, der Schreiner, Stellmacher, Schuster, der Schmied, ausgenommen wahrscheinlich der Samtweber, waren der übrigen ländlichen Bevölkerung angelehnt. Jeder hatte alle Bürger zur Kundschaft, ihre Aufträge waren Grundlage seiner Lebenshaltung. Das Prinzip der Gegenseitigkeit war so stark ausgeprägt, dass man auf Dorfebene von einer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft sprechen konnte. Es kam hinzu, dass alle land- wirtschaftlichen Betriebe und Betriebchen auf Selbstversorgung ausgerichtet waren, an den "Markt" wurden nur dann Erzeugnisse abgegeben, wenn größere Ausgaben anstanden (Taufe, Kommunion, Hochzeit, Aussteuer, Begräbnis). „Jede einzelne Bauernfamilie genügte so sich selbst, produzierte unmittelbar den größten Teil ihres bescheidenen Konsums und gewann ihren Lebensunterhalt mehr im Austausch mit der Natur als im Verkehr mit der Gesellschaft.“ [1]Kaum jemand hatte so viel Ertrag, dass er damit Rücklagen und größere Ersparnisse bilden konnte. Die Getreide- Vorräte mussten übers ganze Jahr reichen. Waren sie vorzeitig aufgebraucht, behalf man sich mit Schweinekartoffeln, Rüben, Möhren und - günstigstenfalls - mit ausgeliehenem Mehl. In dieser Zeit war Schmalhans Küchenmeister.

Die Redensart ist noch in Erinnerung: "Wenn man singt, ‚komm Heiliger Geist‘, ist die Not am allermeist.“ Erst mit wachsender Industrialisierung stiegen auch die städtischen Konsumentenzahlen. Als sich dann» auch noch rationellere Anbaumethoden in der Landwirtschaft entwickelten und eine bessere Düngung die Erträge steigerte, konnten viele Schwierigkeiten überwunden werden. 

Auf das Dorf Lauthausen bezogen, waren die Verhältnisse im vergangenen _Jahrhundert insofern zeitweilig besser, als der Weinbau zusätzlich Nahrung verschaffte (Wein und Brot ergaben den berühmten "Zopp") und auch Einnahmen aus dem Verkauf von Most und Wein sicherte.

Einschränkend muß jedoch angefügt werden, dass die guten Weinlagen höchst selten im Besitz der Kleingrundbesitzer standen. Bewirtschafteten sie derartige Lagen dennoch, so hatten sie in der Regel ein Drittel oder gar die Hälfte des Traubenertrages dem Eigentümer abzuliefern, was dazu führte, dass große Mengen mit verhältnismäßig geringer Qualität erzeugt wurden (die Erzeugung von Spätlese- und Ausleseweinen kannte man ohnehin nicht). Im Übrigen war den kleinen Winzern betriebs- und marktwirtschaftliches Denken fremd; sie vertrauten auf Gott, während die gebildeten Kaufleute und Großgrundbesitzer nach dem Prinzip wirtschafteten: 'Wo kein Mistus, da kein Christus."

So gesehen konnte in den zahlreichen Großfamilien des Dorfes auch im Weinanbau kein Reichtum angesammelt werden. Sichtbares Zeichen dafür, dass der Weinanbau in Lauthausen und Altenbödingen keine goldene Nase brachte, ja noch nicht einmal eine sichere Einnahmequelle darstellte, ist das Dorf selbst gewesen, das vor dem ersten Weltkrieg mit seinen Häusern und Höfen eher ein tristes Bild abgegeben hat (vergl. mit: Die Siedlung Lauthausen, Seite 18).

Ausgenommen hiervon war die Familie Land, die ihre Zukunft nicht in der Wein- sondern in der Biererzeugung gesehen hat und zielstrebig zunächst eine Brauerei (1870) errichtete und dann um die Jahrhundertwende ein großes Backsteinhaus in der Mitte des Dorfes zu bauen imstande war.

 

Weiberfastnacht in der Gaststätte Land 1948
v.l.n.r.: Katharina Land, Tine Fischer, Tochter Christine Fischer, Getrud Bönninghausen, Frau Kort, Katharine Rüttgen („Madell“), Mina Rings, Lotte Nümm, Margarete Land, Billa Hastrich

Zum Niedergang des Weinanbaues haben neben Mehltau und Reblausbefall viele Umstände beigetragen. Einerseits waren da die vielen Kleinstparzellen in stark hängiger Lage, die rationell so oder so nicht zu bewirtschaften waren. Andererseits boten sich in Hennef und anderen Orten zunehmend gute und vom Wetter unabhängige Verdienstmöglichkeiten.

Der Weinbau brachte vielen „zum Leben zu wenig, zum Sterben Zuviel.“ Und dies, obwohl die Säkularisation den Mönchen im Bödinger Kloster alles genommen und anderen, auch kleinen Winzern, vieles gegeben hatte. Nicht von ungefähr ließ ein Geistlicher 1813 seine Schüler schreiben: "In Tautschland gibt es in zehn Jahren einmal guten und zweymal mittelmäßigen Wein, also siebenmal schlechten.“[2] Es ist nicht anzunehmen, dass der gute Wein den Leuten über die schlechten Jahre hinweggeholfen hat, denn Plönnis sagte bereits 1715: "Wenn aber der Wein gerät, so leben sie herrlich...", um dann anzufügen: "... bei dessen Mißwachs bestehet ein bergischer Butter- und Haberbauer besser denn ein Weinbauer. °[3] _

Hauptsächlich bedingt durch den Niedergang des Weinanbaues trat um die Jahrhundertwende eine Änderung ein in der Weise, dass etliche Bürger Waren für den Markt produzierten und in Siegburg oder Bonn abzusetzen versuchten: Obst aus den vielen Junganlagen, die an die Stelle des Weinbaues in den Hanglagen getreten waren;-Butter, die vor allem in den Kleinbetrieben unter Zuhilfenahme der von der Hennefer Firma MEYS entwickelten Zentrifuge hergestellt wurde; Heilkräuter, die die Natur in der näheren Umgebung des Dorfes in Hülle und Fülle anbot.

Dass es häufig aber gar nicht so einfach war, derartige Waren „an den Mann“ zu bringen, mag eine Episode verdeutlichen, die in Neunkirchen erzählt wurde: Der Hecks Wellem, Pächter eines kleinen Gutes in Renzert, hatte auf dem Siegburger Wochenmarkt den ganzen langen Vormittag seine Butter, säuberlich und adrett zu kleinen brotförmigen Pfunden verpackt, feilgeboten. Ein Paket Butter lag geöffnet auf dem kleinen Verkaufstisch; aus ihm konnten die Hausfrauen kostenfrei und unverbindlich ein Pröbchen entnehmen. Davon hatte man reichlich Gebrauch gemacht: Mit einem Kupferpfennig hatten die Interessentinnen ein Küppchen nach dem anderen abgestrichen und die Butter abgeschmeckt - aber gekauft hatten die wählerischen Frauen nichts. So stand der brave Heck auch zur Mittagszeit da, und noch immer gingen irgendwelche Passanten an seinem bescheidenen Stand vorbei, nahmen ein Pröbchen nach dem anderen, so dass schließlich die Packung da lag, als sei ein Schwarm Vögel drüber hergefallen. Da packte den sonst so geduldigen Bauern dermaßen die Wut, dass er die Pfunde Butter reihum mit Wucht gegen die dicken Stämme der Marktlinden warf und schrie: "Do freßt die Botter doch sellevs on allbeieneen!“ -

Als viele Jahre später die Milch- und Fettgesetze Geltung bekamen, die den Absatz der Veredlungsprodukte garantierten, hörte allmählich die allergrößte Not auf.

Frau Margarete Will aus Bödingen weiß viel über die Lebensgewohnheiten in alter Zeit zu erzählen, teils aus eigener Anschauung, teils aus der mündlichen Überlieferung von ihrem Vater Wilhelm Beiert, der ein bekannter Erzähler war.

Auf dem Maarberg, so berichtet Wilhelm Beiert durch den Mund seiner Tochter Margret, gab es viele kleine Parzellen, die beackert wurden, obwohl der Kies dort hoch anstand. Selbst der Roggen gedieh hier nicht sonderlich; aber je kleiner und dünner er stand, desto eher war er jährief (notreif).

 

Lauthausener Bürger: Wilhelm Raderschadt (l.) Karl Fischer (r) beim Spaziergang über den Mahrberg

Den kleinen Leuten, die schon Wochen und Monate gedarbt hatten, kam das entgegen, sie konnten auf diesen Flächen vor allem anderen Brotgetreide ernten. Dabei spreiteten sie Leinentücher aus, legten die geschnittenen Ähren darauf und droschen sie an Ort und Stelle, damit kein Korn verloren ging.

Und weil die Zeit des Hungerns vorbei war, riefen die Menschen übermütig: "Honger, leck mech am Arsch!"

Frau Will weiß sich auch zu erinnern; Der Sellbach floss bis 1950/51 (Flurbereinigungsverfahren Bödingen) diagonal durch den heutigen Hausvorgarten Schymalla zwischen den Anwesen Ullrich und Menekes hindurch in Richtung Sieg auf 'den huhen Ofer" zu. Auf dieser 120 m langen Strecke hat der Sellbach wohl der Bewässerung der angrenzenden Gärten und Felder gedient, die damals noch die Gewannebezeichnung „Ober dem Sauersgarten“, „Im spitzen Garten“ und „Auf dem Pfaffenstück“ trugen.

Heute ist die Kammlage noch erkennbar, die der Sellbach mit seinem Erosionsmaterial im Laufe der Jahrhunderte auf dieser Strecke gebildet hat.

Die Vorfahren der Beierts wohnten im späteren Haus Höhner, heute Geimer. Die Stallungen standen auf der anderen Straßenseite, da- hinter befand sich der Sellbach. Etwas oberhalb, wo sich der Dorfweiher ausbreitete (heutiger Obstbungert Krohm),war ein Schieber angebracht, mit welchem das Wasser gestaut werden konnte; beispielsweise bei Sturzregen musste das Bachwasser aufgehalten werden, damit es nicht aus dem Bachbett geriet und in den Külcheshoff lief. Der Schieber wurde auch benutzt, um den Brandweiher in Eile zu füllen, wenn im Dorf Feuer ausgebrochen war.   

Unterhalb des Stalles lag ein Addelspool (Jauchegrube), in dessen Mitte - er hatte ein ansehnliches Ausmaß - ein mächtiger Eichenpfahl stand. Eines Tages war unsere Hündin läufig (heiß). Weil man sich der vielen Rüden, die es im Dorf gab, nicht erwehren konnte, tat der Großvater die Hündin in eine Küz (Rückentrage im Wingert) und stellte diese auf den Pfahl im Addelspool. Alsbald kamen die Rüden zuhauf und liefen in die Jauche, um an das läufige Hundeweibchen zu gelangen. Wenn das dolle Hundevolk vollzählig war, ging der alte Limbach, der bei uns arbeitete, hin und jagte die Hundebande davon und nach ihrem Zuhause. War das gelungen, so konnten wir sicher sein, dass sie in dieser Periode nicht wiederkamen; denn wegen des Gestanks, den sie nach ihrem ersten "Damenbesuch“ ausgebreitet hatten, wurden sie fortan festgehalten.

Die Lauthausener Jugend hat damals viel harmlosen Schabernack getrieben, so fährt Frau Will fort. Einmal, als eine Rotte Jugendlicher von der Chorprobe heimgekehrt ist, sind die Jungens still und leise in eine Hoflage gegangen, wo die alte Frau noch spät und bei Kerzenlicht am Melken war. Die Frau hatte zwei Ziegen, eine Geis, die bei den Kühen stand, und einen Geißbock, der nebenan untergebracht war. Schnell und für die Frau unhörbar haben die Bengels in der Dunkelheit die Geis mit dem Bock vertauscht. Wie hiernach die arglose Frau sich drangibt, die vermeintliche Geis von hinten zu melken, schlägt der Bock unverhofft und mit so fürchterlicher Gewalt nach hinten aus, dass der Melkerin Hören und Sehen vergeht - bis sie schließlich nach einigen Überlegungen und mit Hilfe der Kerzenbeleuchtung feststellt, dass sie den Bock und nicht die Geis vor sich hat. Vielleicht hat die gute Frau nie erfahren, wer die beiden Tiere vertauscht hatte.

Über die Fischgasse gelangte man an die guten Fischgründe der Sieg, die dort unter dem Kötterichsberg (Gewannebezeichnung) lagen. Mit dem Fischfang verdienten sich einige Bürger des Dorfes ein Zubrot.

In Lauthausen gab es wie auch in Müschmühle eine Fischereigenossenschaft, die den Fang regelte. Zum Fischen wurden Körbe (Reusen) benutzt. Begehrt waren Lachse, aber auch Nöngoche (Neunauge). Die Lauthausener Burschen machten es sich einfacher. Wenn die Lachse zum Laichen in den Sellbach wollten, mussten sie am „huhen Ofer“, wo das Wasser wohl fünf Meter steilabwärts stürzte, hinaufspringen. Dorthin stellten sich die jungen Männer - und die Lachse waren ihnen mit etwas Fingerfertigkeit eine leichte Beute. Das ist so um 1900 bis 1910 gewesen, danach hat man nie wieder Lachse in der Sieg gesehen.

Viel früher, so erzählt Frau Will weiter, als in den 60 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Eisenbahndamm durchs Siegtal gebaut worden ist, machten die dort angeheuerten Tagelöhner folgenden Reim:

"Brav und fleißig - zwei Mark dreißig,
groß und stark gibt drei Mark."

Dabei muß es sich wohl um einen Tageslohn gehandelt haben. Die Lauthausener Jungen haben auch in Bödingen ihre Späße getrieben. Da war der Heini Nümm, mit dem hatten wir einmal ein schönes Erlebnis an der Kirche. Auf der Südseite unseres Gotteshauses war früher eine breite langgezogene Treppe mit niedrigen Stufen. Eines Sonntags hat der Heini vor der Kirchentür mit einem Fahrrad gestanden, als die Leute aus dem Hochamt drängten.  

 

Erinnerungsbild an den Fang eines 18-pfündigen Spiegelkarpfens in der Sieg am 07.10.1934:
v.l.n.r.: Der Goldschmied Rohrmüller, Unbekannt, Josef Oetz

Mangels Bereifung liefen die Räder des Fahrrades auf den Felgen. Mit diesem Vehikel hat der Heini gezeigt, was Fahrtechnik bedeutet; er hat sich auf diesen Drahtesel geschwungen und ist mit Holterdiepolter watjiste - wathäste auf die Kirchentreppe zu und auf dieser runter gefahren bis auf die Straße nach Lauthausen. Die Leute aber haben nur gestaunt und herzlich gelacht über die Fahrkünste des» Heini Nümm. Soweit Margret Will geb. Beiert aus Bödingen.

Da von Heini Nümm die Rede ist, will (und darf) ich anhängen, wie der zu seinem Spitznamen 'Strauß' gekommen ist. Schade, dass ich hierfür nicht früher Gelegenheit hatte, meinen Kindern wäre das Missgeschick erspart geblieben, Heinrich Nümm mit "guten Tag, Herr Strauß' zu begrüßen (was ihn, wie er mir einmal erklärte, nie gestört hat).

Also, der kleine Heini hat zur Herbstzeit als Brotaufstrich Birnen- oder Apfelkraut gewählt. Nach etlichen Broten hat er einen großen Krautbart getragen. Dann ist er mit seinen Geschwistern aufs Schlafzimmer der Eltern spielen gegangen. Dort lag ein Plumeau, dessen Inlett die Mutter an diesem Tag geöffnet, je- doch nicht wieder geschlossen hatte. Durch dieses Loch hat der Heini nun neugierig seinen Kopf gesteckt und seine Späße getrieben.

Als es diesen wieder rausgezogen hat, waren in seinem Gesicht viele Daunen' am 'Kröckchesbaat" angeklebt und auch die krausen Haare, die auf seinem Kopf so dicht wie bei einem Hund standen, waren über und über mit Daunen behaftet. Darüber hat sich Heinis Mutter köstlich amüsiert und sie hat Heini fröhlich zugerufen: "Jo, du süss jo uhs wie de Vochel Strauß!“

(Ja, so ist der Heinrich Nümm zu seinem Spitznamen gekommen. Ein anderer Zeitgenosse des Heinrich Nümm, Peter Rüttgen, erzählt: "Wenn Heinrich Nümm in unserer Runde war, brauchten wir allesamt nichts zu bezahlen. Heini, der in jungen Jahren auch der Legion Condor in Spanien angehörte und danach eine hohe Soldabfindung erhielt, hatte häufig die Taschen voller Geld und nie Furcht da- vor, es an einem einzigen Tag für andere auszugeben." Viele Lauthausener sind der Meinung: Das Dorf wäre um vieles ärmer, wenn es den Heinrich Nümm nicht gegeben hätte.

Peter Rüttgen erinnert sich auch an die folgende Begebenheit: In unserem Dorf hat ein Maurer namens Pütz gewohnt, der ein ganz großer Spaßmacher war. Einmal hat er mit seinen Kumpanen einem Freund in Bödingen, der dort ein Haus besaß, die Haustür zugemauert. Dann haben sich die Übeltäter in der Dunkelheit abseits schön still verhalten und die Ankunft des Freundes abgewartet. Wie der nun eingetroffen zugemauert war. Dann er auf und ab gegangen und ums Haus gelaufen, einmal, zweimal; er hat ständig den Kopf geschüttelt, weil er sich in der sonst so gewohnten Umgebung nicht zurechtgefunden hat.

Zu allem Unglück ist er auf die mit morschen Brettern abgedeckte “Kalkkuhl" geraten, wo er mit einem Bein durchgebrochen ist und bis zum Knie im Kalkbrei gestanden hat.

Später hat er seine Sucherei mit den Worten zu erklären versucht: "Ech han mech de janze Zeck jefrooch, beste nu doheem odder beste et net."

Frau Käthe Ullrich aus dem Külcheshof habe ich gebeten, etwas über den Vater, den Lauthausener Johann Pütz, zu erzählen. Käthe Pütz lacht und sagt: "Ach ja, der Vater ist in jungen Jahren sehr„ unternehmungslustig gewesen. Er hatte als junger Mann Fahrrad, eins von der Art, die vorne ein sehr hohes, hinten gegen ein klitzekleines Rad hatten. Einmal, als er wieder diesem Rad das Fahren üben wollte, ist er vom Oberdorf her die Kreuzung in der Dorfmitte zugefahren, mit Tempo. Auf der Kreuzung wollte er nach links in die Köhstrooß ('Kuhstraße', heute 'Mahrberg') einbiegen. Hier aber hat er die Kurve nicht gekriegt; er ist bei den Hastrichs, nein, den Dresbachs, den Großeltern von Fritz Hastrich, die gerade am Kaffeetisch saßen, mit dem Rad gegen die Hausmauer gefahren und über den Lenker durchs Fenster vor den Tisch gestürzt! So ähnlich haben das die Dresbachs geschildert, und die alte Frau Dresbach hat mit großen Augen angefügt: “Wie der durch et Fenster koom, mente mer, de jlöönichen Deufel köm eren jeflooche."

Frau Anna Raderschadt hat mir anhand eines Beispiels erklärt, wie hartnäckig die Dörfler an den angestammten Hof- und Familiennamen festhalten: Der Urgroßvater namens Sauer hat, aus Much kommend, in Lauthausen einen Hof begründet. Sein Sohn Heinrich Sauer hatte die Anna Krohm zur Frau; dessen Tochter Elisabeth Sauer heiratete den Wilhelm Raderschadt, Vater des verstorbenen Ehemannes Heinrich Raderschadt.

Der Schwiegervater Wilhelm Raderschadt ist aber zeitlebens nie mit seinem Familiennamen gerufen worden, vielmehr hat seine Familie den (Ruf-)Namen Sauer behalten; zur besseren Unterscheidung hat man ihn allerdings "Mücher - Suer" genannt.

Ihr Mann, Heinrich Raderschadt, sei noch 'de Mücher' gerufen worden. Oben am Bach, wo die Nümms wohnen, fügt Anna Raderschadt an, hat ebenfalls eine Familie mit dem Namen Sauer gewohnt. Auch dort haben Männer mit ganz anderen Namen eingeheiratet, was die Dorfbevölkerung nicht davon abgehalten hat, diese Familie ebenfalls über Generationen hinweg “Bach-Suer' zu nennen.

Über so viel Beharrungsvermögen, das dem Landvolk allenthalben nachgesagt wird, kann man nur staunen.

Die Anna Nümm, Mutter von Peter, Henny Will und Anna Schmitz, hat einmal erzählt, wie ein Vorfahre als junger Mann in die Kriege des Napoleon Bonaparte hineingezogen worden ist und sieben Jahre nicht nach Hause kommen durfte.

Anna Raderschadt händigt mir eine alte Zeitung aus, der ich die wahrlich traurige Geschichte eines Lauthausener Bauernsohnes entnehme. Sein Schicksal rührt uns heute noch an, zumal diese Erzählung klassisch-heroische Merkmale trägt:

„Bis zum März 1945 lag in einem Bauernhaus des Siegdörfchens Lauthausen ein Tagebuch, geschrieben von einem Lauthausener, der seine Erlebnisse aus der Soldatenzeit Napoleons genau aufgezeichnet hatte.~ Obschon das Schriftstück 1945 verlorenging, ist doch der Inhalt bis heute in Lauthausen, wo das Buch damals von Haus zu Haus gelesen wurde, lebendig geblieben. Geboren war Peter Sauer, der Chronist, im Jahre 1787. Bevor der stattliche Jungmann den väterlichen Bauernhof übernehmen konnte, musste er 1805 als Achtzehnjähriger zum Heeresdienst und - damals stand unsere Heimat unter französischer Herrschaft - zur Kaisergarde Napoleons.

Beim Abschied gab„ der Jungvermählte die Hälfte eines Taschentuchs seiner Frau und steckte die andere Hälfte in seine Tasche. Die beiden jungen Leute sahen sich nun nahezu sieben Jahre nicht mehr wieder. Der junge Lauthausener Gardist zog mit Napoleon zu- nächst in die südlichen Länder Europas bis nach Spanien, alsdann wieder, durch Frankreich und Deutschland gegen Osten bis Russland. Peter Sauer war mit bei den ersten, als Napoleon in Moskau einzog. So erlebte er auch den Brand dieser Stadt. Als sich das Heer auflöste, waren volle sieben Jahre ins Land gegangen. Mit einem Bart, unkenntlich und abgemagert, fand Peter wieder in seine Heimat zurück. Wegen den unsicheren Zeiten sahen sich besonders die Landbewohner gezwungen, Haus und Hof verschlossen zu halten. So auch die Lauthausener. Peter, der in dunkler Abendstunde nach Hause kam, klopfte am Hause seiner Frau an, wo sich die Obertür aber nur einen Spalt öffnete. Peter bat die an der Tür stehende Frau, die ihn nicht erkannte, um ein Nachtlager. Sie aber schlug die Türe zu. Nochmals klopfte Peter an seine eigene Haustür. Eine gute Weile verging, bis sich die Tür wieder öffnete. Inzwischen hatte Peter die ein Hälfte des beim Abschied halbierten Taschentuches herausgezogen und hielt es der Frau hin. Da zog auch sie aus ihrer Schürzentasche die andere Hälfte hervor, setzte beide Teile zusammen, schrie vor Freude auf und umhalste den heimgekehrten Peter.

Nun übernahm Peter Sauer den väterlichen Landbesitz. Er erreichte nach den harten Strapazen seiner Jugendzeit das hohe Alter von 84 Jahren. 1871 wurde er auf dem Bödinger Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.“   

Der Verfasser erinnert sich, dass zu seiner Jugendzeit kein Stoppelfeld umgepflügt wurde, bevor es nicht nach Ähren abgelesen war. Für einen Strauß Ähren gab es 2, später 5 Pfennige. Wenn wir fleißig gesammelt hatten, ist viel Kirmesgeld zusammen gekommen.

In den dreißiger Jahren sind die Kiepenkerle aus dem Sauerland in die Häuser gekommen, die Kiepe voll bunter Stoffe. Davon "hat die Mutter stets etwas gebrauchen können zur Fertigung von Kitteln und Schürzen und anderes mehr:~Bis zum Aufkommen des Radios haben ebenfalls regelmäßig Straßen- oder Hausmusikanten vorgesprochen. Die haben mit ihrer Geige oder Harmonika den stillzuhörenden Familien ein Liedchen vorgespielt, wobei das melodische Heimatlied "Waldeslust" an erster Stelle gestanden hat. Nicht nur Bettler, auch Erzähler haben angeklopft und den Kindern Märchen und selbsterfundene Geschichten vorgetragen. Einer von ihnen hat besonders großen Wert darauf gelegt, nicht zu den "Köttern" gezählt zu werden, dafür hat er uns staunenden Kindern die Geschichte von "Hüpf-Mäxchen" vorgetragen, eine Geschichte in Reimform, die folgenden Refrain hatte: "Hüpf-Mäxchen, Hüpf-Mäxchen, hüpft der Mutter ins Butterfass." Als Entgelt hat er sich zwei gutbelegte Butterbrote ausbedungen.- Der altgewordene Johann Müßgen aus Lanzenbach, so erzählt dessen Nichte, hat tagsüber in einer Hennefer Fabrik gearbeitet. Kam er abends nach Hause, spannte er nach kurzem Verschnaufen seine Kühe an und bestellte seine Felder. Wenn im Herbst die Tage kürzer wurden, hat sich der Onkel mit vier Petroleumlampen geholfen, die stellte er an allen vier Ecken des jeweiligen Grundstücks auf, das zu bearbeiten war. So hatte er Orientierungshilfe beim Pflügen, Eggen und Walzen. Und es soll vorgekommen sein, dass Müßgen bis in die späte Nacht gearbeitet hat - um dann wenige Stunden später wieder seiner schweren Fabrikarbeit nach- zugehen. Solchen Menschen sagte man nach: "Sie han_sech kromm jeärbet."

Zuletzt kommt ein Bröhler dran, also ein Erzähler aus der „Kalverbröl“: “An der Stelle, wo heute die Kirche steht, hat ein Tanzsaal gestanden (den auch die Lauthausener zu der Zeit, als der 'Knolly Brandy' in Mode war, gerne benutzt haben). Um die Vereinskasse aufzufrischen, oder um die Musik zu bezahlen, oder auch aus anderen mir nicht bekannten Gründen, wurde bei jeder 'Damenwahl' in den Tanzpausen mit einem Körbchen von Paar zu Paar gegangen; der von der Dame auserkorene Mann musste dann Tanzgeld zahlen, mindestens einige Groschen.

Kurz bevor der Saal abgerissen wurde, kam der Samba-Tanz auf. Und als die Kirche, wie gesagt, dorthin zu stehen kam, nannte man sie anfangs 'Samba-Kerch'. ,

Einem Bröler Spaßvogel, der damals in den Anfängen des Bröler Kirchenlebens während des Hochamtes mit, seinen Gedanken wohl noch im Samba-Saal war, ist es dann besonders sinnfällig gelungen, seinen Gedanken Ausdruck zu geben: Als ihm nach der Opferung plötzlich das Opferkörbchen unter die Nase gehalten wird, ist er aufgeschreckt und hat gefragt: "Wie, hamer at wedder Damenwahl?"

Ich will schließen mit den knappen Worten anderer Erzähler, die ebenfalls_ nicht genannt werden möchten: "De Chrestian van Lauthausen het net am Fooschkapellchen jehuust (dann hät er jo och Chrestian van Ahlebödinge jeheesche), der woer van Ihe, van Lockesse; vellich het der en der Höll jewunnt, us der die Lands späder en Brauerreikeller jemaat han!' Und ein anderer sagt: "Der Chrestian lich en de Kerch an dem Pfeiler unge deep bejraave, wo fröher de Prädigstool stond."

Der alte Josef Müßgen aus Geisbach mit Sohn Phillip um 1911-12 und seinem prächtigen Kuhgespann vor dem Hundspflug (Josef war der Vater von Johann Müßgen, von dem im "Dörpsvezäll" die Rede



[1] Ingeborg Weber-Kellermann: Das Landleben im 19. Jahrhundert S. 81

[2] KH. Ossendorf: Der Weinbau im ehemaligen Gebiet des Siegkreises, S. 9

[3] KH. Ossendorf ebda, S. 10