Was hat die Sonne mit dem Hahnenschrei zu tun

Johannes Rosauer

Früher konnten es die Leute nicht abwarten, bis die Sonne nach der Winter-Sonnenwende wieder "hochgeklettert" war und Wärme in die dürftig beheizten Stuben brachte. Inzwischen haben wir gelernt, dass Winter und Sommer mit ihren veränderten Temperaturen darauf zurückzuführen sind, dass unsere Erdkugel mit exakter Genauigkeit in eine Schräglage zur Sonne gerät, wodurch der Einfallwinkel der Sonnenstrahlen verändert wird und somit Kälte im Winter und Wärme im Sommer hervorruft.

Die Alten zählten die Tage, Stunden und Minuten, aber mit den Sekunden konnten sie wenig anfangen. Deshalb meinten sie auf ungefähr, die Sonne würde täglich um die Dauer eines Hahnenschreis früher am Horizont hervortreten. Stimmt das? Natürlich nicht, denn ein alter Gockelhahn wird sich sehr anstrengen müssen, wenn er seinen Schrei auf nur 5 Sekunden ausdehnt.

In jedem guten Taschenkalender können wir nachlesen, dass die Sonne viel längere Aufgangsphasen hat: Zur Weihnachtszeit klettert sie gegen 8.25 Uhr hinter Abscheid über den Horizont, am 21.06. kommt sie bereits gegen 04.05 Uhr über Bödingen hoch. Dazwischen liegen -4 Stunden und 20 Minuten, das sind 15.600 Sekunden. Auf 6 Monate oder 182 Tage verteilt ergeben das 85,7 Sekunden täglich im Durchschnitt. Tatsächlich sind die Aufgangsphasen der Sonne unterschiedlich versetzt: Im Januar betragen sie etwa 20, im Februar 104, März 117, im April sogar 137 Sekunden, um sich dann im Mai auf 99, im Juni auf etwa 35 Sekunden täglich wieder zu verkürzen.

Nach der Sommer-Sonnenwende geht's in umgekehrter Richtung zurück in den Winter, im Durchschnitt also mit 85 Sekunden „Verspätung“. Hat je ein Mensch einen Hahn so lange krähen hören? Ich nicht!

 

GESEGNETES LAND!
Lauthausen mit Stadt Blankenberg
(Ölbild 36 x 44, J.R.)

 

 

Die fertige Dorfkapelle Lauthausen- unser gutes Stück.   


 

Im Auto über Land

An besonders schönen Tagen
 ist der Himmel sozusagen
 wie aus blauem Porzellan.
Und die Federwolken gleichen
 weißen, zart getuschten Zeichen,
 wie wir sie auf Schalen sahn.

Alle Welt fühlt sich gehoben,
blinzelt glücklich schräg nach oben
 und bewundert die Natur.
Vater ruft, direkt verwegen:
'n Wetter, glatt zum Eierlegen!'
(Na, er renommiert wohl nur.)

Und er steuert ohne Fehler
 über Hügel und durch Täler.
Tante Paula wird es schlecht.
 Doch die übrige Verwandtschaft
 blickt begeistert in die Landschaft.
 Und der Landschaft ist es recht.

 Um den Kopf weht eine Brise
von besonnter Luft und Wiese,
dividiert durch viel Benzin.
 Onkel Theobald berichtet,
 was er alles sieht und sichtet.
 Doch man sieht's auch ohne ihn.

 Den Gesang nach Kräften pflegend
 und sich rhythmisch fortbewegend
 strömt die Menschheit durchs Revier.
 Immer rascher jagt der Wagen.
 Und wir hören Vater sagen:
 'Dauernd Wald und nirgends Bier.“

 Aber schließlich hilft sein Suchen.
Er kriegt Bier. Wir kriegen Kuchen.
Und das Auto ruht sich aus.
Tante schimpft auf die Gehälter.
Und allmählich wird es kälter.
Und dann fahren wir nach Haus.

 

v Erich Kästner