Wie Berg und Tal entstanden

 Dr. J. Müller-Goldkuhle

 Wer in Lauthausen von der Alten Dorfstraße in die Fischgasse einbiegt und weiter in Richtung Sieg geht, steht auf einmal vor einem Steilabfall des Geländes, unten breiten sich Flächen zu beiden Seiten der Sieg aus. Diesseits stehen darauf die Wohnwagen des Campingplatzes, jenseits der Sieg verläuft der Bahndamm; dahinter setzt sich die Fläche fort bis Dondorf. Schweift der Blick nach rechts in Richtung Weldergoven, lässt sich auch dort ein Steilabfall ausmachen. Schaut man zurück, sieht man über die. Häuser Lauthausens hinweg auf den leicht gebogenen Altenbödinger Hang, nach rechts folgt der tiefe Einschnitt der Selbach, noch weiter nach rechts - wie eine Fortsetzung des Altenbödinger Hangs - der Hang, der zum Silberling hinaufführt. Oben, auf dem Silberling, in Bödingen, in Altenbödingen, ist das Gelände wieder recht eben.

Waren diese Geländeformen immer so? Gibt es überhaupt etwas auf der Erde, was immer so war, was immer so sein wird? Natürlich nicht. Entstehen und Vergehen sind fortlaufende Prozesse. Bei unseren Geländeformen ist das nicht anders.

Das Gestein

Was heute in Lauthausen und seiner Umgebung an Geländeformen zu sehen ist, hat seinen Anfang vor langer, langer Zeit. Vor 400 Millionen Jahren (das sind 400 000 Jahrtausende) - der Geologe spricht von der Devonzeit - bedeckte ein weites flaches Meer das Gebiet des nördlichen Deutschlands und damit auch den hiesigen Raum. Im heutigen Süddeutschland hingegen ragte ein Gebirge auf. Während der folgenden 50 Millionen Jahre wurde dieses Gebirge abgetragen, und die Flüsse, die nach Norden flossen, transportierten das Gesteinsmaterial in das Flachmeer. Schicht für Schicht lagerte sich in dem Meer ab. Das Meer wurde jedoch nicht zugeschüttet, da der Untergrund wegen des zusätzlichen Gewichtes in gleichem Maße absank. So entstand im Laufe der Jahrmillionen schließlich ein Schichtpaket aus Sand und Ton von mehreren tausend Metern Mächtigkeit. Anschließend - in der Karbonzeit - wurden die Schichten langsam verbogen und durch Druck in der Erdkruste in Falten gelegt. So kamen Teile der Schichtung in Schrägstellung oder sogar Senkrechtstellung. Und dieses Material ist es, das uns heute als Felsgestein hier in Lauthausen, im Siegtal und im ganzen Rheinischen Schiefergebirge begegnet.

Wer sich den hiesigen anstehenden Felsen genauer ansieht, kann die schrägstehenden Ablagerungsschichten leicht ausmachen. Es handelt sich um Sandstein oder - gröber - um Grauwacke.

Versteinerte Muscheln verraten uns die Herkunft als Meeresablagerung, Grauwacke – Platten werden gerne als Naturstein – Wegebelag benutzt[1]. Oft ist die Oberfläche der Platten wellig.

Da es sich um ehemaligen Meeresboden handelt, muß auch dieser wellig gewesen sein. Wir kennen das etwa vom Wattenmeer der Nordsee. Wo das Wasser strömt, bildet sich ein gewellter Untergrund (sog. Rippeln). Im Flachmeer der Devonzeit war das genauso.

Noch in der Karbonzeit hob sich das in sich gefaltete Schichtpaket über den Meeresspiegel heraus, und Verwitterung und Abtragung begannen ihr zerstörerisches Werk. Bevor mit dem Eiszeitalter vor etwa einer Million Jahren eine neue Zeit einsetzte, war das ganze Gebiet wieder eingeebnet.

Das Eiszeitalter

Unter Eiszeitalter verstehen wir den jüngsten größeren Zeitabschnitt in der Erdgeschichte, in dem sogenannte Kaltzeiten sich mit Warmzeiten (Zwischeneiszeiten) abwechselten. Sie dauerten je etwa 50.000 bis 100.000 Jahre. Man zählt fünf Kaltzeiten. In ihnen war die Jahresduchschnittstemperatur um bis zu 10° C niedriger als heute. Für unsere Gegend bedeutet dies, dass die Julitemperatur bei +8° C, die Januartemperatur bei -10° C lag. Hier herrschte also ein Klima, wie wir es heute auf Spitzbergen im Nordpolarmeer vorfinden. Mit dem Eis, das der Eiszeit den Namen gab, hatte unsere Gegend unmittelbar nichts zu tun. Das im Skandinavischen Gebirge aus nicht getautem Schnee entstandene Gletschereis schob sich nach Süden höchstens bis in die Umgebung von Duisburg; das Gletschereis aus den Alpen kam von Süden her nicht weiter als bis zur Donau. Unserer Gegend machte also nicht das Eis, wohl aber die niedrige Temperatur zu schaffen. Es war so kalt, dass es keine Vegetation gab. Da war nichts Grünes, nur kahle Flächen weit und breit: eine Kältewüste.

Zwischen den Kaltzeiten lagen die Warmzeiten mit einem Klima, das dem jetzigen sehr ähnlich war. Wälder überzogen die Flächen und Hänge. Und wo die Wälder lichter waren, wo offene Graslandschaften das Jagen erleichterten, da lebten die Vorfahren des heutigen Menschen[2].

Das Tal

Für die Entstehung und Formung des Siegtales ist das Eiszeit- alter die entscheidende Epoche. Seit etwa einer Million Jahren hebt sich unser Gebiet wieder. Die Sieg, die vorher in einer weiten, flachen Mulde in der Höhenlage von Uckerath dem Ur-Rhein zufloss, war wegen der Hebung des Untergrundes gezwungen, sich einzuschneiden.[3] Das geschah nicht gleichmäßig. In den Warmzeiten, wenn Bäume und Sträucher das Bodenmaterial festhielten, grub sich die Sieg immer tiefer ein. In den Kaltzeiten hingegen, wenn keine Vegetationsdecke den Boden schützte, rutschte von den Hängen so viel Material nach unten, dass die Sieg es gar nicht wegschaffen konnte. Immer wieder schüttete sie sich selbst den Weg zu und musste ihren Lauf verlegen

Dabei grub sie sich seitlich[4]in die Hänge ein und schuf einen breiten Talboden. Dieser Talboden wurde so während der Kaltzeit mit einer mehrere Meter dicke Kiesdecke bedeckt. In der drittletzten Kaltzeit[5], vor ca. 600.000 Jahren, lag der Talboden auf der Höhe des heutigen Bödingen und Altenbödingen. Auf den Äckern des Silberlings kann jeder Kieselsteine sammeln, die der Pflug an die Oberfläche gebracht hat. Die gerundete Form der Steine zeigt, dass es sich um Flussschotter handelt, d.h. sie wurden damals auf dem Grund der Sieg weitergerollt und dabei abgeschliffen

In der folgenden Warmzeit schnitt sich die Sieg wieder tiefer ein, und zwar um ca. 80 Meter. In der vorletzten Kaltzeit[6], vor ca. 200.000 Jahren, bildete sie wieder einen Talboden; diesmal auf der Höhe des höhergelegenen Teils von Lauthausen. Die dazugehörige Kiesdecke kennen die Bauherren am 'Bachhof‘ aus ihrer Baugrube, die Gartenbesitzer dort, weil die Maulwürfe die Kiesel nach oben schaffen, die dann beim Rasenmähen die Messer beschädigen; kennen die Landwirte, die beim Pflügen mitunter mit fast kopfgroßen runden Steinen zu tun haben.[7]

In der dann folgenden Warmzeit schnitt sich die Sieg um ca. 30 Meter ein, und in der letzten Kaltzeit[8], bis vor 10.000 Jahren, schuf sie den jetzigen Talboden, indem sie wieder eine mehrere Meter dicke Schotterdecke über die in das Felsgestein gegrabene Eintiefung ausbreitete. Diesen Kies hat man bei Dondorf und bei Allner gefördert. Eingesickertes Grundwasser machte aus den Gruben Seen.

In den letzten 10.000 Jahren schnitt sich die Sieg wieder in die eigenen Schotter ein. Nur bei Hochwasser überflutete sie weite Teile des Talbodens und bedeckte ihn mit mitgeschwemmtem Lehm, dem sogenannten Auelehm.

 

Im Querschnitt gesehen, blieben durch die wiederholte Einschachtelung nur Reste von den ehemaligen Talböden stehen. Sie haben Terrassenform und wurden nach ihrer Ausdehnung und ihrer Lage Haupt-, Mittel- und Niederterrasse genannt. Sie können den drei letzten Kaltzeiten zugeordnet werden.

Die Sieg

Der Lauf der Sieg verändert sich weiterhin. Wie er früher gewesen ist, lässt sich teilweise aus den Geländeformen erschließen.

Eine künstliche Verlegung fand Mitte des 19. Jahrhunderts[9] statt, als der Bahndamm gebaut wurde. Die Sieg machte vorher eine weite Schleife nach Dondorf hin und wieder zurück. Man hätte für die Bahn zwei Brücken bauen müssen. Stattdessen verlegte man das Siegbett so, dass die Sieg nördlich am Bahndamm vorbeifließen konnte. Ihr Lauf wurde dabei im Bereich der alten Schlinge um die Hälfte verkürzt, was doppeltes Gefälle, verstärkte Strömung und zusätzliche Erosion bedeutete. Das kleine Wehr am Camping- platz fängt das unnatürliche Gefälle auf. Das alte Siegbett ist bei Dondorf noch mit Wasser gefüllt. Der mittlere Bereich der Dondorfer Seen lag früher also auf der Lauthausener Siegseite.

 

Ein viel älterer Siegbogen lässt sich von Dondorf bis Weldergoven ausmachen. Hier ist die Mittelterrasse in einem gleichmäßigen Bogen angeschnitten. Unterhalb der Terrassenkante von Weldergoven sind noch Teile des ehemaligen Siegbetts erkennbar[10].

Vor 200.000 Jahren floss die Sieg im Mittelterrassenniveau vor dem Altenbödinger Hang her, der mit dem Hang am Silberling als Prallhang diente. Oberhalb von Greuelsiefen gibt es Reste eines ähnlichen Prallhangs.

Das heute tiefe Nebental, das der Selbach eingeschnitten hat, war damals noch klein. Der Selbach musste sich später, als die Sieg sich zum Niederterrassenniveau hin eintiefte, auch in die Mittelterrasse graben. So kam es zu dem Geländeeinschnitt, in dem heute - über dem verrohrten Selbach - die Kreisstraße "Am Bach“ verläuft.

Berg und Tal

Wer die Entwicklungsgeschichte der Geländeform im Lauthausener Bereich verfolgt, kommt zu dem Schluss, dass es hier eigentlich gar keinen richtigen Berg gibt. Wir haben es eigentlich nur mit Tälern (dem Tal der Sieg, der Bröl, des Selbach) und deren Hängen zu tun. Uns erscheint das als Berg, was die erodierende Kraft des fließenden Wassers stehengelassen hat. Aber warum sollen wir einen stehengebliebenen Rest nicht auch Berg nennen (Bödinger Berg) ?

Und vorübergehend ist der derzeitige Zustand ohnehin.

Wie sieht es in 100.000 oder 500.000 Jahren hier aus?

Sie möchten es wissen? Ich auch.



[1] Früher benutzte man die Platten auch zum Abdecken des Lehmbodens im Erdgeschoss der Häuser

[2] Wahrscheinlich leben wir auch nur in einer Warmzeit zwischen zwei Kaltzeiten. Doch dürfte das Klima dann noch viele tausend Jahre so bleiben, wie es jetzt ist

[3] Dieses Sich-Einschneiden des fließenden Wassers haben wir alle im kleinen schon beobachtet: Wenn es auf eine unbewachsene Böschung so kräftig regnet, dass nicht mehr alles Wasser versickern kann, reißt das abfließende Wasser schnell flache und tiefere Rinnen. In die tieferen Rinnen münden von der Seite kleinere Rinnen; und wie ein Baum verzweigt sich das Ganze nach oben und zur Seite hin. Man nennt diesen Vorgang fluviatile Erosion (fluviatil - vom fließenden Wasser verursacht; Erosion - Abtragung). Meist ist diese Erosion 'rückschreitend', d.h. die Eintiefung findet zuerst unten statt und wandert dann gegen die Fließrichtung des Wassers nach oben. In den Rinnen lässt sich 'das an “Mini-Wasser- fällen“, die sich immer weiter 'nach oben verlagern, leicht erkennen.

Unsere Bach- und Flusstäler sind nichts anderes als solche Erosionsrinnen. Sie sind nur viel größer, und ihre Entstehung dauerte viel, viel länger. Aber auch sie wurden durch jenes Wasser ausgegraben, das als Niederschlag in Form von Regen oder Schnee gefallen und nicht an Ort und Stelle verdunstet war. Es konnte entweder gleich oberflächlich abgeflossen oder aber versickert und dann als Quelle wieder ausgetreten sein. Aus dem Flugzeug betrachtet, sieht unser Talsystem daher nicht anders aus als das Rinnensystem an einer flach geneigten Böschung.

[4] Seitenerosion können wir heute noch gut da beobachten, wo der Fluss eine Biegung macht. Im Außenbogen bildet sich ein steiler “Prallhang', im Innenbogen ein flacher "Gleithang'. In Lauthausen ist das gut zu sehen unterhalb des Sportplatzes, wo der Selbach mündet. Hier 'prallt' die Sieg gegen das steile Ufer. Wäre die Uferböschung nicht künstlich mit Steinen befestigt, hätte die Sieg den vorbeiführenden Weg längst unterhöhlt, und er wäre eingebrochen. Das gegenüber- liegende Ufer, wo die Sieg Kies ablagert, steigt dagegen nur_ allmählich an. Im Großen beobachten wir dasselbe z.B. am Steilhang der Stachelhardt und am gegenüberliegenden flachen Anstieg von Bülgenauel.

[5] sog. Mindelkaltzeit

[6] sog. Rißkaltzeít

[7] So auch auf dem Feld zwischen dem Stallgebäude Sauer und der Kreisstraße. Eine kleine Kiesgrube, in der man die Schichtung gut erkennen kann, gibt es an der steilen Zufahrt zur Gaststätte Sauer

[8] sog. Würmkaltzeit

[9] zwischen 1857 und 1859

[10] Floß hier die Sieg noch vor 1000 Jahren?