Die Siedlung Lauthausen

Helmut Fischer

Zwischen Sieg und Bröl wölbt sich der Nutscheid auf. Als Teil des von weiten Wäldern bedeckten Berglandes zieht er gegen Nordosten. Die breit auslaufende Riedelfläche, die sich beim Auf- »stieg des Höhenzuges entwickelt hat, ist von dicken, fruchtbaren Lößlehmschichten überlagert. Die Landwirtschaft findet beste Voraussetzungen. Die Siedlungen Altenbödingen, Bödingen und Driesch gliedern die offene Höhenplatte.[1] Bis nach 1900 bot der südliche und südwestliche Steilabfall zur Hennef-Siegburger Bucht hin eine günstige Lage für ausgedehnte Weingärten.[2] Die Siedlungen passen sich den natürlichen Gegebenheiten an. So erstreckt sich Lauthausen zu Füßen der Weinhänge auf der hochwasserfreien Mittelterrasse, und zwar auf dem bergseitigen Ansatz eines Sporns, der die Sieg zu einer weiten Schleife gegen Dondorf zwingt. Von besonderer Bedeutung ist die Nutscheidstraße, vielfach auch Stockumer Straße oder "Römerstraße" genannt, die von (Hennef-) Warth aus durch die Siegfurt bei Weldergoven, über Lauthausen durch die Selbach die Höhe erreichte und über Stockum, Altenherfen und Waldbröl ins Siegerland führte.[3] Die Lebensnotwendigkeiten der Menschen waren also gesichert durch die Landwirtschaft, im Wesentlichen durch den Ackerbau. Sie wurden verbessert durch den Wein als Sonderkultur. Neben die bäuerliche Wirtschaftsweise traten im Zusammenhang mit Furt und Straße verschiedene Gewerbe, handwerkliche Tätigkeiten wie Schmied und Stellmacher, Beherbergung und Gastwirtschaft und Verkehrshilfe wie der Vorspann für die Fuhrwerke.

Über das Alter der Siedlung Lauthausen lässt sich kaum Gesichertes sagen. Der früheste bekannte urkundliche Beleg stammt aus dem Beginn des 14. Jahrhundert. Allein schon seiner Lage und mutmaßlichen Bedeutung wegen dürfte die Entstehung des Ortes mindestens mehrere hundert Jahre in die Vergangenheit zurück- reichen. Einige Erkenntnisse liefert die Namenkunde, die sich mit der Deutung von Siedlungsnamen und ihren möglichen geschichtlichen Aussagen befasst. Dabei ist von den überlieferten schriftlichen Prägungen auszugehen, und zwar

1311      de Ludenhusen[4]
1433      van Luythusen[5]
1435      de luithaußen[6]
1483      de Luythuysen[7]
1555      Luthusen[8]
1644      lauthausen[9]
1712      lauthausen[10]

Auch in diesem Falle helfen Namendeutung und Namenvergleich weiter. Es handelt sich um eine zweigliedrige Bildung. Die Beispiele lassen erkennen, dass die langen Selbstlaute u in Luden- und -husen vom 17. Jahrhundert an in den Zwielaut au, also in Laut- und -hausen verändert wurden. Die Zeichen y und i in Luythusen, luithusen und Luythuysen haben die Aufgabe, die Länge der jeweiligen Selbstlaute anzuzeigen. Die Endungen des ersten Namenbestandteils (Luden) gibt den zweiten Fall an und verschwindet im 15. Jahrhundert, so dass das d zu t verstärkt wird. Vom 17. Jahrhundert an setzt sich die heute gebräuchliche Schreibweise durch.

Die Deutung beginnt am besten mit. dem zweiten Glied -husen, -hausen. Dieser Namenbestandteil verweist auf eine Siedlung aus mehreren Häusern und Gebäuden. Vielleicht bestand die Siedlung am Anfang auch bloß aus einem Einzelhof mit Wirtschaftsgebäuden. Das erste Glied ist ein Personenname Ludo. Der Siedlungsname "Lauthausen" bedeutet als "zu oder bei den Häusern des Ludo" und erinnert damit an den Gründer oder Besitzer.[11] Namen dieser Bildungsweise wurden insbesondere vom 8. bis zum 10. Jahrhundert verwendet. Auf Grund dieser Feststellung darf angenommen werden, dass etwa im 8. bis 10. Jahrhundert sich Menschen an dem Ort, der "Lauthausen" genannt wurde, niederließen.  

Die mundartliche Aussprache, nämlich lokesen, unterstützt diese Deutung. Denn in der gesprochenen Alltagssprache erscheint t als k wie in Zeit und Zek. Das zweite Glied -hausen wird Zusehens abgeschwächt. Völlig abwegig ist der Versuch, den ersten Bestandteil mit dem Eigenschaftswort laut in Verbindung zu bringen. Lauthausen war keineswegs ein lauter, geräuschvoller Ort. Das Wappen der ehemaligen Gemeinde Lauthausen schließt an diese volkstümliche Deutung an, indem es im Sinne eines 'reden- den Wappens" über einem Gebäude (für -hausen) eine männliche Gestalt zeigt, die ein Horn bläst (für Laut-). Die namenkundliche Erörterung kann hingegen gewiss machen, dass Lauthausen schon im frühen Mittelalter bestanden hat. Genaueren Aufschluss dürften ältere urkundliche Hinweise und Namenbelege geben.

Die Menschen haben sich nicht allein aufgrund der natürlichen Voraussetzungen eine Lebensmöglichkeit geschaffen. Sie lebten gleichermaßen in Gemeinschaften zusammen, die sie nach kulturellen und politischen Regeln organisierten. Diese Ordnung kam jedoch unter dem Einfluss staatlicher und kirchlicher Gewalten zustande. Auf der Ebene der untersten Verwaltungseinheiten sind dies die Honschaften, die sich seit dem Mittelalter entwickel- ten. Die Honschaften wiederum waren in Kirchspielen zusammen gefasst. Die Kirchspiele waren weniger kirchliche, im Sinne einer "Pfarrgemeinde", als vielmehr politisch-verwaltungsmäßige, kommunale Gebilde, die den heutigen Gemeinden vergleichbar sind. 1555 gehört die Honschaft Lauthausen mit den Honschaften Bödingen, Geisbach und Striefen zum Kirchspiel Eigen.[12] Bis zum Ende des alten Reiches im Jahre 1806 erscheint das Kirchspiel Eigen als eigenständige Verwaltungseinheit unter den dreizehn Kirchspielen des Amtes Blankenberg. Der Mittelpunkt war Dondorf, das heißt die Siedlung an_ der Stelle, die seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts nach dem Schöffen Johann Hosse “Hossenberg" genannt wird.[13] Dort stand eine romanische Kirche, die erst 1810 endgültig abgerissen wurde.[14] Um 1075 wird Dondorf unter den Stiftungsgütern aufgeführt, die Erzbischof Anno von Köln der Abtei auf dem Michelsberg in Siegburg zuteilte.[15] Vieles spricht dafür, dass die Siedlung selbst und das zugehörige Gebiet aus pfalzgräflichem Besitz stammen. Das Kirchspiel Eigen könnte darum Eigentum des Herrn der Siegburg, also bis zur Gründung der Abtei Siegburg, des Pfalzgrafen gewesen sein.

Der pfalzgräfliche Einfluss dürfte der Grund dafür sein, dass es gelang, innerhalb des weiten und alten Kirchspiels Geistingen eine eigene Verwaltungseinheit, eben das Kirchspiel Eigen, durchzusetzen.       

Die Hossenberger Kirche selbst ist niemals Pfarrkirche gewesen. Die Einwohner des Kirchspiels Eigen gehörten zur "Pfarrgemeinde" Geistingen. Allein schon daran zeigt sich, dass politische Macht die Entstehung der Eigen-Kirche auf dem Hossenberg bewirkte.

Im Zuge der Verwaltungsreform des 16. Jahrhunderts wurden die beiden Honschaften des Kirchspiels Eigen rechts der Sieg, und zwar Bödingen und Lauthausen, unter der Bezeichnung Lauthausen vereinigt. Die Honschaft Lauthausen umfasste die Siedlung Auelsheck, Berg, Bödingen, Driesch, Halberg, Kningelthal, Lauthausen, Niederhalberg, Oberauel, Oberhalberg und Oppelrath. Die französische Verwaltung vollzog ab 1806 eine teilweise Umgestaltung, indem sie aus Teilen der Kirchspiele Eigen und Geistingen die Mairie Lauthausen bildete. Das Kirchspiel Eigen ging unter. Die Honschaft Lauthausen wurde mit den Honschaften Altenbödingen, Braschoss und Happerschoß des Kirchspiels Geistingen rechts der Sieg zu einem selbständigen Kommunalbezirk zusammengelegt. Die preußische Verwaltung übernahm 1815 diese Konstruktion mit vier Gemeinden in der Bürgermeisterei, der sie den Namen Lauthausen beließ. 1927 wurde die Bürgermeisterei in das Amt Lauthausen umgewandelt. Als 1956 die Gemeinde Braschoss an die Stadt Siegburg zum größten Teil überging, wurden deren Reste mit den Gemeinden Altenbödingen, Happerschoß und Lauthausen zur Gemeinde Lauthausen zusammengeschlossen.[16] Die kommunale Neuordnung von 1969 brachte eine grundlegende Änderung: Die Gemeinde Lauthausen wurde, außer Münchshecke und Seligenthal, die jetzt an die Stadt Siegburg fielen, mit den Gemeinden Hennef und Uckerath zur Gemeinde Hennef vereinigt. Der Name Lauthausen für eine gemeindliche Verwaltungseinheit verschwand endgültig. Lediglich die Katastergemarkung erinnert noch an die frühere Honschaft und Gemeinde Lauthausen.

1742 hat die Honschaft Lauthausen 300 Einwohner, die 78 Familien bilden und in 78 Wohngebäuden leben. 1791 ist ihre Zahl auf 366 Menschen, 106 Personen und 96 Häuser angewachsen. In einer landeskundlichen Beschreibung heißt es:

„Der Boden dieser Honschaft ist zwar fruchtbar, erfordert aber sehr viel Dünge. Die Häuser sind meistens schlecht und die Einwohner durchgängig gering bemittelte Leute. Das meiste, was gezogen wird, ist Korn und Haber.“[17] 1817 wird die Siedlung Lauthausen als Weiler mit 137 Einwohnern bezeichnet.[18] 1828 ist von einem 'Weiler an der Sieg, 168 Einwohnern und etwas Weinbau" die Rede.[19] Die Volkszählung von 1871 verzeichnet für das Dorf 37 Häuser und 154 Einwohner.[20] Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Bevölkerung sprunghaft an. Waren 1950 noch 179 Personen in Lauthausen wohnhaft, so hat sich 1980 ihre Zahl mit 345 fast verdoppelt.[21] Lauthausen hat sich von einem Bauern- und Weinbauerndorf zu einer Wohnsiedlung entwickelt, deren Bevölkerung in die nahen städtischen Ballungsräume pendelt und dort Arbeit, Einkaufsmöglichkeiten und Unterhaltung findet.

 

     Lauthausener Männer unter sich: Johannes Lankes, Heinrich Raderschad (“Schom"), Heinrich Sauer, Karl Müller, K.J.F rings; im Hintergrund Mitglieder des BERGLAND ECHOS: Hans-Alfred Kemp und Peter Hilleke (1986)



[1] Fliedner, D.: Mittelsieg-Bergland. In: Handbuch der natur- räumlichen „Gliederung Deutschlands. Remagen 1957, S. 492

[2] Walterscheid, J. Von alten Kelterhäusern, einer rätsel- haften Inschrift und dem trefflichen Siegwein. In: Heimatblätter des Siegkreises 15 (1939) S. 169 - 172

[3] Hirtsiefer, W.: Zur Geschichte des Verkehrswesens im Siegkreis bis zum Aufkommen der Eisenbahn. ebd. 21 (1951) S. 9 - 14

[4] Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Köln 5. Köln 1886, S. 13

[5] Flink, R.: Geschichte von Oberpleis. Siegburg 1955, S. 132

[6] ebd. S. 133

[7] Mittler, M. (Hrsg.): Das Bödinger Memorienbuch. Siegburg 1971, S. 229

[8] Harleß, W.: Die Erkundigung über die Gerichtsverfassung im Herzogtum Berg vom Jahr 1555. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 20 (1884) S. 131

[9] Archiv des Turmmuseums Stadt Blankenberg: Rentbuch fol. 143

[10] Archiv der Pfarre St. Simon und Judas Hennef: Lagerbuch I, S. 33

[11] Dittmaier, H.: Siedlungsnamen und Siedlungsgeschichte des Bergischen Landes. Neustadt an der Aisch 1956, S. 29

[12] Anmerkungen 8, S. 177 - 202

[13] Link, R.: Dondorf-Hossenberg. In: Heimatblätter des Siegkreises 17 (1941), S. 37 - 42

[14] Flink, R.: Der Verkauf der Kapellen Dondorf-Hossenberg im ehemaligen Kirchspiel Eigen und in Oberpleis im Jahre 1810. In: Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Hennef-Sieg. 4 (1974), S. 69 - 92

[15] Wisplinghoff, E.: Urkunden und Quellen von Stadt und Abtei Siegburg. I. (948, 1065 - 1399). Siegburg 1964 Nr. 8

[16] Fischer, H.: Die siedlungsgeschichtliche und politische Entwicklung des Bödinger Raumes. In: Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises 49/50 (1981/82), S. 11

[17] Goldschmidt, H.: Amtliche Statistik am Niederrhein im 18. Jahrhundert. Das Amt Blankenberg. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 103. III. Folge. Bd. 53. Jena 1917, S. 365

[18] Übersicht der Gebiets-Einteilung des Regierungs-Bezirks Köln. Köln 1817

[19] Restorff, F. v.: Topographisch-Statistische Beschreibung der Königlichen Preußischen Rheinprovinzen. Berlin, Stettin 1830, S. 299

[20] Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preussischen Staates und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der Volkszählung vom 1. Dezember 1871. XI. Die Rheinprovinz. Berlin 1874, S. 109

[21] Einwohner, nach Ortsteilen der Städte und Gemeinden. (Beiträge zur Statistik des Rhein-Sieg-Kreises 21) Siegburg 1981, S. 12