Unsere Dorfkapelle

Heinz Peters

Zur Vorgeschichte: Bevor die Bödinger Marienkirche errichtet wurde, besuchten die Gläubigen der Region Lauthausen-Bödingen regelmäßig die für sie zuständige Rektoratskirche in Dondorf (Hossenberg), dem damaligen Zentrum des Kirchspiels Eigen.

Von 1408 bis 1424 war die mit dem Pfarrer Peter von Meisenbach und vier Vikaren[1] besetzte Bödinger Kirche Pfarrkirche. Formal mag in dieser Zeit und auch nach 1424, als die Umwandlung der Stiftung Bödingen in ein Kloster der Augustinerchorherrn vollzogen war[2], ihre Zugehörigkeit zum Rektorat Eigen noch Bestand gehabt haben.

Wer aber wollte den Lauthausenern den Zutritt zur Bödinger Wallfahrtskirche verwehren?

Als Pilger waren sie dort ohnehin gerne gesehen. Und: War der beschwerliche Weg nach Dondorf unterschwellig nicht mitbestimmend für den Bau der Kirche in Bödingen gewesen?

Als sich die Rechtsverhältnisse grundlegend änderten (1513 überträgt Herzog Johann III. 'unse capelle zu doerendorp“ auf ewige Zeiten dem Kloster Bödingen, dem sie dann elf Jahre später sogar inkorporiert wird[3] hatte die Dondorfer Kapelle praktisch für die Lauthausener ausgedient. Nicht von ungefähr wird sie 1690 als baufällig, reparaturbedürftig und kaum noch benutzt bezeichnet[4].

Damit ist einigermaßen klargestellt, dass für die Lauthausener weder die Möglichkeit noch die Notwendigkeit bestanden hat in besonderen Situationen (z.B. Hochwasser) ihrer Sonntagspflicht in einer dorfeigenen Kapelle zu genügen. Was noch entscheidender ist: In Lauthausen gab es damals gar keine Kapelle, jedenfalls weisen alle Flurkarten aus dem Dorfbereich eine solche nicht aus. Was nun das bisher angenommene Baujahrzehnt anbelangt, so darf ich auch insoweit meine Zweifel vorbringen. Es ist über- liefert, daß an unserer Wegekreuzung im Dorf ein großer Baum gestanden hat, den eine Büste oder Statuette des hl. Augustinus zierte. Sie rührte sicherlich aus der Zeit vor der Säkularisation, als die Mönche nicht nur in Bödingen sondern auch in Lauthausen sowohl im religiösen als auch im weltlichen Bereich (z.B. Weinbau) überaus präsent waren. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nochmals daran, daß es Lauthausener Bürger waren, die das Geschehen im Bödinger Kloster sowohl zur Gründerzeit als auch später mitbestimmt haben (die Namen der Lauthausener: Christian, Wesemann, Külches, Erke, Heppen und Welghen sind uns allen bekannt). Unsere Vorfahren waren von den Augustinermönchen so stark geprägt, daß sie durchaus - vor und nach der Säkularisation - nicht nach der Regel "aus dem Auge, aus dem Sinn" verfuhren, vielmehr die vielschichtigen Bindungen fortbestehen ließen. Ja, die Lauthausener gingen so weit, daß sie im Andenken an die Bödinger Chorherrn an der Wegekreuzung in der Dorfmitte zwischen 1860 und 1870 eine Kapelle errichteten und diese dem hl. Augustinus weihten.

Ich nenne dieses Datum, weil es übereinstimmt mit jenem Geschehen, das sich um 1856 - 1859 im Siegtal ereignete, nämlich die Errichtung der Eisenbahnlinie von Köln aus siegaufwärts

Weil sich der Fiskus den Bau zweier Flussbrücken ersparen wollte, schnitt man die bis Dondorf reichende Mäanderschleife kurzerhand ab und verkürzte das Flussbett auf etwa 200 Meter. In dieser Siegschleife lag damals aber eine viele Morgen große Allmende (in einer Zeitungsnotiz von 1957 wird sie „mehrere hundert Morgen groß bezeichnet, was m.E. zu hoch gegriffen ist). Diese der "Allgemeinheit" also gehörende Weidefläche war immerhin so  groß, daß sie vom Frühjahr bis zum Herbst dem gesamten Rindvieh  des Dorfes, das über die Kuhstraße (heute Mahrberg) getrieben  wurde, ausreichend Nahrung zu geben vermochte. Als dieses Weideland teilweise nun für den Bahndamm beansprucht und teilweise  durch Eisenbahndamm und Fluss vom Dorf abgeschnitten wurde, erhielt die Dorfbevölkerung eine Entschädigung, die mit der Errichtung der Siegfurt allein nicht abgegolten sein konnte. Dieses Geld haben die Bürger des Dorfes nicht untereinander geteilt, sondern zum Bau einer Dorfkapelle verwendet. Erhärtet wird diese Vermutung durch die Tatsache, daß die Restflächen der Allmende später teils “natürlichen Personen" zugeteilt, teils diesseits der Sieg als Liegewiese in Größe von ca. 7000 qm ausgewiesen wurde. Auch der Grund und Boden, auf der die Lauthausener ihre Kapelle errichtet hatten und "Allgemeingut“ war, wurde damals mit 72 qm und aufstehender Kapelle ausgewiesen. Da das neue Recht (BGB) eine Übertragung auf das Dorf nicht zuließ, wurden Liegewiese und Kapellengrundstück der öffentlichen Hand zugeteilt. Zur Vervollständigung sei hinzugefügt, daß die Bemühungen des Vereins „Dorfgemeinschaft” schließlich zu einer Übertragung des Kapellengrundstücks an die Kirchengemeinde Bödingen geführt haben.

 

Unsere Kapelle wurde 1965 von Heinrich Höhner wieder einmal instand gesetzt. Hans Ulrich sieht ihm zu. 



[1] Johannes Walterscheid: Bödingen im Siegkreis S. 18

[2] ebda S. 22

[3] Robert Flink: Der Verkauf der Kapelle Dondorf-Hossenberg im ehemaligen Kirchspiel Eigen S. 71 (inkorporiert = einverleibt; Inkorporation bedeutet im Kirchenrecht die Vereinigung einer Pfründe mit einer anderen).

[4] ebda S. 88 _33