Bröl

Schon auf dem Bergrücken ruft uns der Ort mit seiner neuerbauten Maria- Himmelfahrts-Kirche ein herzliches Willkommen zu.

 Am Berghang sehen wir den Brölbach, der im Kreise Waldbröl zweiarmig entspringt, sich bei Bröleck vereinigt und sich in ungestümen Lauf durch das Tal windet.

Vor seiner Mündung in die Sieg verästelte er seinen Lauf, bis seine Wildheit durch den Bau der Bröltalstraße gezähmt wurde.

In verschiedenen Memorien- und Urkundsbücher, Akten und dergleichen, taucht die Honschaft Bröl unter verschiedenen Namen auf: Broyle, Broile, Brüll, Brühl und Kalberbröl.

Die Namensgebung des Ortes scheint dem Bach entlehnt zu sein, da dieser schon früher als der Ort selbst, unter gleichem Namen, in Erscheinung tritt. Darüber hinaus wird diese Annahme durch die Tatsache unterstrichen, dass der Brölbach bei Waldbröl entspringt und die Orte Bröl bei Waldbröl, Herrenbröl, Winterscheider-Bröl nicht nur nach ihm benannt sind, sondern auch später eine postalische Zusatzbezeichnung erhielten.

Die Namensänderungen vollzogen sich im Laufe der Jahrhunderte, da sich die Sprache dialektmäßig änderte.

Der frühmittelalterliche Bestand des Ortes ist leider durch keine Urkunde zu bezeugen. Hier und da treten später Namen auf, die sich infolge Schenkungen, Verkäufe usw. auf unseren Ort beziehen.

1432 z.B. vermachte Elisabeth v. Merode dem Seligenthaler Kloster sechs Malter Korn aus Ländereien der Bröl, wofür ihr eine Grabstelle und eine jährliche Messe daselbst zugesichert wurde.

Im 16. Jahrhundert wird im Archiv zu Blankenberg ein Amtmann namens Engelbert v. Scheidt, gen. Weschpfennig, Herr zu Bröl, genannt. Desgleichen unter selbigem Namen im 17. Jahrhundert. In der Pfarrchronik zu Geistingen finden wir um 1515 im Dingstuhlverzeichnis eine Stelle, worin besagt wird, das Bröl zu dessen Gerichtsbarkeit zählte.

Um die Blütezeit der Zünfte war es schon damals Tradition, dass jeder Handwerker den Zunftbrief (Meisterbrief) besaß. Durch dessen Besitz war er von der Hörigkeit befreit, wodurch ihm unter andrem die Eigenständigkeit gesichert war. Aus einem Löherzunftbrief des Jahres 1582 geht hervor, dass der Schultheiß Bertram v. Metternich aus der Bröl, sein Handwerk ausüben durfte. Desgleichen wurde dem Schöffen Johann v. Selbach, durch den Abt Gottfried v. Eil, den Pelzgerberzunftbrief überreicht.

Hieraus ersehen wir, dass das Handwerk auch in Bröl schon früh sesshaft war. Dieser Johann v. Selbach erscheint an anderer Stelle im abteilichen Archiv zu Siegburg, wo er als Schöffen beim adeligen Gericht tätig war.

Hierin heißt es:

"BEKENNE ICH JOHAN V. SELBACH, SCHEFFEN DES ADELIGEN GERICHTS SIEGBERGH, DASS ICH VON DEN ACHTBAR UND VORSICHTIGEN HERRN BÜRGERMEISTER UND RATH DER STADT SIEGBERGH AUFGEBURT UND EMPFANGEN HAB ELFTEN HALBEN GULDEN KÖLLNISCH, WELCHE SCHEF FEN GELDER MIR VOR DEN JAIREN AUF MATHEI 14 MARK KÖLLNISCH AN ERMELLTER STADT ERSCHIENEN UND ERFALLEN WAREN. SAGE DESHALB VORGEDACHTEN HERR BÜRGERMEISTER UND RATH AUCH DIE GEMEINE BÜRGERSCHAFT UND WEN DERSELBIG BETROFFEN MAG, VON DIESEN UND ALLEN VERFLOSSENEN JAIREN UND TERMINEN HIERMIT QUITT, LOSS, LEDIG UND VOLBEZAHLT. ZUR WAHREN URKUND HABE ICH ABGEMELT DIE QUITTUNG MIT EIGENER HAND UNTERZEICHNET, DIE GEBEN IST AM NEUNTEN OCTOBRIS DES JAHREN".

Johann v. Selbach

Schließlich soll noch ein Auszug aus einem Kaufvertrag aufgezeigt werden, worin im Jahre 1594 ein Bertram v. Zweyvel zu Troisdorf seine Einkünfte vom Stryferhof zu Geislar, an Bertram v. Metternich auf der Broil, dem abteilichen Schultheiß zu Siegburg verkaufte. Sein Bruder Wilhelm zu Sülzen vermachte alle ihm zustehenden Rechte von jenem Hof an die Kirche daselbst.

Soweit die Auszüge, die aus der Vorzeit den Ort Bröl betreffen.

In einem privaten Kaufvertrag von 1840 taucht die Ortsbezeichnung "Kalberbröl" auf. Hierin heißt es unter anderem: "Wir – Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden - König von Preußen - Großherzog vom Niederrhein - tun kund und fügen hiermit zu wissen, dass vor Ludwig Wurzer, Königlich Preußischer Notar, im Wolmsitz der Stadt Siegburg, Großherzogtum Niederrhein, Franz Josef Krebs, Stellmacher zu Kalberbröl, Bürgermeisterei Lauthausen, . . . usw. (siehe Seite 4 im Originaltext).

Für diese Bezeichnung dürfte folgende Erklärung bindend sein:

Die umliegenden Dörfer von Bröl trieben früher die Schweine und Kälber, sowie das übrige Schlachtvieh nach hier, um es dann in geschlossener Herde nach den Märkten Bonn und Köln zu treiben. Wenn sich an diesen Tagen das Vieh an- sammelte, das Grunz en der Schweine, das Brüllen und Blöken der Ochsen und Kälber dem Dorfe die "Musik" gaben, war es nicht wunder, dass sich aus den Münder der benachbarten Dörflern der Spottname "Kalberbröl" Vernehmen ließ. Später wurden pferdebespannte Viehwagen eingesetzt, die noch bis Anfang der 30er Jahren das Vieh zu den Märkten fuhren.

Die Straßenkreuzung in Dorfmitte wurde mit "Eselsmarkt" bezeichnet. Dieser Name stammt aus jener Zeit, wo der Gemeindediener mit der Schelle die Dörfler zusammenrief, um sie mit dem Neuesten bekanntzumachen. Darüber hinaus trafen sich Alt und Jung an diesem beliebten Versammlungsplatz, aus deren Quelle das gesamte Dorfgeschehen entsprang. War es Wunder, wenn die auswärtigen Bauern diesen Platz als "Eselsmarkt" bespöttelten?

Gerade der Eselsmarkt erinnert mit seinen Episoden, Glossen, Streichen, mit Klatsch und Tratsch an das alte Bröl.

Das Haus in Bröl Nr. 62, am Eselsmarkt, ehemaliger Fachwerkbau, den Familien Engels-Schwarz-Müller (heute Neubau), brannte 1873 fast völlig ab. Es wurde 2 Jahre später als Ruine von meiner Mutter für 100 Thaler gekauft und später wieder aufgebaut.

In diesem Hause wurden bis Ende des 19. Jahrhundert die Hostien für die umliegenden Kirchspiele gebacken. Das Backeisen ist noch im Familienbesitz.

Am "Alten Weg" steht ein altes Steinkreuz, welches der ehemalige Schultheiß Peter Ennenbach mit seinem Bruder Adolf im Jahre 1809 errichtete. Die Kreuzesinschríft lautet:

A. 1809. HAT ADOLPH ENNENBACH
VND + MARIA CHATHARINA ZEHRGESELL +
E + L + PETER + ENNENBACH VND +
ANNA + MARIA + HEISMANN +
E+L+D+Z+E+D+H+W+A+R+L+
A + E + B +

Peter Ennenbach war Gutsbesitzer in Bröl. Dessen Sohn Cornelius war 1837 als. Kommunalempfänger tätig.

Ennenbach wurde, nachdem das napoleonische Recht eingeführt war, erster Bürgermeister des Amtes Lauthausen und übte seine Tätigkeit im Doppelhaus Bröl, Bachstraße 9 aus.(früher Ennenbachshof). Der Maire Ennenbach hielt die Zweiteilung von Bröl aufrecht und zwar ließ er den Walbach, der durch den Ort fließt, als natürliche Gemeindegrenze gelten: rechts die Gemeinde Altenbödingen und links die Gemeinde Happerschoß. Diese Gemeindeordnung blieb bis zum Jahre 1956 bestehen, da sich Lauthausen zu einer Großgemeinde zusammenschloss.

Vorbenannter Cornelius Ennenbach war am 3. 2. 1837 beim Friedensgericht im Kanton Hennef als Zeuge in einer vormundschaftlichen Vermögensaufstellung bestellt. Diesem Akt habe ich einige Auszüge entnommen, die die damalige Bewertung der einzelnen Gegenstände, gegenüber den heutigen, veranschaulichen sollen.

1.       Ackerland auf dem Fuchszohl, 56 Ruthen, 70 Fuß, abgeschätzt zu 36 Thaler, 25 S' Groschen (= Silbergroschen).

2.       Etwa 5 Malter Hafer, 13 Thaler, 10 S‘ Groschen.

3.       Etwa 400 Pfund Kartoffeln, 4 Thaler.

4.       Ein Pferd, schwarz, mit Zaum, Hahmen, Sattel und Hintergeschirr, 90 Thaler.

5.       Eine dreijährige weiße Kuh, 22 Thaler.

6.       Eine Ziege, 1 Thaler.

7.       Eine Bettstelle von Tannenholz, 1 Strohbettsack, 1 Strohkissen, 2 werchenen Bettleintücher, 1 wollene Decke, 3 Thaler.

8.       Ein kupferner Kaffeepott und eine Wasserscheppe, 24 S‘ Groschen.

9.       Eine Feuerzange, 1 Feuerschüppe mit Stocheisen, 10 S‘ Groschen.

10.   Zwei Trummsägen, 1 Spannsäge, 20 S‘ Groschen.

Über die Flurbezeichnung "aufm Mühlenhof“, habe ich mir schon vor 40 Jahren Gedanken gemacht. Die Behauptung unserer Altvordern, hier hätte einst eine Mühle gestanden, die der Walbach gespeist hätte, hat sich nunmehr durch einen alten Flurplan aus dem Jahre 1827 bestätigt.

Zur Zeit des Mühlenbetriebes (etwa Anfang des 18. Jahrhundert) wurde der Walbach entlang der jetzigen Hauptstraße, in einen Teich geleitet, der zwischen der Tank- stelle Müller und Haus Faber lag. Die Mühle stand am "Alten Weg". Sie wurde durch den Mühlengraben (der heutige Flutgraben) in Betrieb gesetzt.

Als man die Bröltalstraße ausbaute, wurde der Walbach gleichzeitig entlang der Bachstraße verlegt. Diese Veränderungen wurden 1861 nachträglich in vorgenannten Flurplan eingezeichnet.

Der Flutgraben wurde zwischen Straße und "Alten Weg" 1966 verrohrt. Alle Zuwege in Richtung Hauptstraße gingen ehemals vom "Alten Weg" aus. Bis zur Landzusammenlegung in den Jahren 1928 -30, war die Stelle, wo die Kluus (Teich) lag, teilweise noch Sumpfgebiet.

Nach alten Überlieferungen musste der Mühlenbetrieb der Unrentabilität wegen eingestellt werden, da der Großteil der Bauern der Zwangsmühle Allner verpflichtet waren. Diesem Zwange konnte sich der Müller nicht erwehren. Er musste notgedrungen den Betrieb einstellen, was zur Überschuldung und schließlich zum Ruin führte.

Eine Tragödie, die mit der Mühle verknüpft ist, möchte ich noch folgen lassen. Der Wolefs Hendrich, Knecht auf dem Mühlenhof, war ein zuverlässiger und hilfsbereiter Arbeiter. Nicht nur bei den Bauern, auch bei seinem Brotgeber war er sehr gelitten.

Es war im Jahre 1716. Nach einem heißen Sommer setzte ein früher und harter Winter ein. Bedingt durch diesen plötzlichen Kälteeinbruch, waren die Ratten zu einer Plage geworden. Überall hatten sie sich in Gehöfte und Häuser verkrochen. Auch der Mühlenhof wusste sich kaum dieser Nager zu erwehren. Eines Abends machte sich Wolef, mit seinem Knüppel bewaffnet, auf Rattenjagd. In die Enge getrieben, sprang ihn eine Ratte an und biss ihn ins Bein. Wolef, der die kleine Wunde nicht beachtete, stellte nach einigen Tagen Schwellungen fest. Als sich dieselben verschlimmerten, vertraute er sich dem Mühlenhofbauer an, der zu seinem Entsetzen Pestbeulen vermutete. Nach Hinzuziehung des Pastors und des Schultheißen, wurde des Bauern Vermutung bestätigt: es war die Pest.

Sie war im MA einer der gefährlichsten Infektionskrankheiten. Sie wurde vorwiegend durch Ratten und Flöhe übertragen. Am verbreitesten war die Lungen- und Beulenpest, auch schwarzer Tod genannt.

Nach dieser Feststellung sank Wolef auf einen Getreidesack nieder, er wusste nicht wie ihm geschah. Nachdem sich der Pastor, der Schultheiß und der Bauer zurückzogen, wusste Wolef um sein Geschick.

Als der Bauer zurückkam und ihm den Entschluss des Schultheißen brachte, dass er wegen Ansteckungsgefahr die Mühle verlassen müsse, brach der Hüne Wolef zusammen.

In der Frühe des anderen Morgens wurde ihm auf der Höhe eine Notunterkunft errichtet, die ihm am folgenden Tage zugewiesen wurde.

Das war nun Wolefs Heim. Hier sollte er sein Leben beschließen, ein Leben ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne Glück. Tagsüber saß er auf der Bank oder lag auf der Pritsche und grübelte über sein Schicksal nach. Hinzu kam die Kälte, die ihm schwer zu schaffen machte. Zwar hatte man ihn reichlich mit Decken und Stroh versorgt, aber konnte ihn das vor der Kälte schützen?

Hundert Fuß von der Stätte entfernt stand ein Schild mit einem Totenkopf, das damalige Pestzeichen. Bis hierher durfte man sich der Hütte nähern, wenn man für ihn Lebensmittel oder Verbindelumpen ablegte. Betrat jemand die bezeichnete Stelle, durfte Wolef die Hütte nicht verlassen, er durfte sich nur durch Rufen oder Zeichen verständigen.

So siechte der lebende Tote langsam aber sicher dahin. Kein Freund, kein Feind versuchte ihn zu trösten. Die Einzige, die er fast täglich sichtete, war die Müllersfrau. Sie allein war es, die Wolef ihre Anteilnahme bezeugte und solange versorgte, bis er eines qualvollen Todes starb.

Um vor weiteren Infektionen geschützt zu sein, wurde die Hütte mit der Leiche verbrannt.

So endete das Schicksal des treuen Müllerknechtes Wolef. Wer zum "Lochental" hochgeht und am oberen Waldstück haltmacht, befindet sich auf dem "Wolefshüschen". Dieser Flurname soll nach ihm benannt sein und uns immer an sein trauriges Schicksal erinnern.

Die "Hennefer Volkszeitung", die im Verlag von P. Stross Hennef erschien, berichtete über das Bröltal unter anderem wie folgt: "Wer ganz abseits von der Stadt die Natur erleben will, möge sich dem liebsam öffnenden Tal der Bröl zuwenden, dessen Wildheiten den Wanderer ins Angenehmste überraschen. Eichen, Buchen- und Fichtenwälder, die von den Berghängen bis ins Tal treten und den plätschernden Bach umsäumen, lassen ihre Äste und Zweige im prächtigen Farbenspiel in dessen Wassern wiederspiegeln. Die Straße, die sich durch das Tal windet, wird von den Gleisen der Bröltalbahn begleitet und beide berühren hier und da in schöner Harmonie die Ufer des Wildbaches Bröl. Nächst Hennef liegt das stille Örtchen Bröl, von wo aus herrliche Waldtouren den Sommergast verlocken. Bröl, mit seinen guten Pensionen und Wirtschaften, garantieren den Sommergästen gute Aufnahme und Verpflegung.

Und anschließend die Frage: Warum lehnte damals der Inhaber des Gasthauses Junkerfeld die Ansiedlung eines Industrieunternehmens ab? Galt es der Ruhe des Ortes und dem damit verbundenen Fremdenverkehr? Lag der Kaufpreis zu hoch? Oder wollte der Besitzer den Kauf mit der Lieferung von Ziegelsteinen zum Bau des Werkes verbinden?

Erläuternd sei hierzu gesagt:

Die Firma K. Schäfer und W. Schlösser traten im Jahre 1885 an Vorgenannten heran, zwecks Kaufes einer Parzelle, auf welcher eine Kammgarnspinnerei errichtet werden sollte. Vorgesehen war in der "Loddau" die "Teegadewess" (Teegartenwiese), die an der Bröltalstraße lag und einen Gleisanschluss an die Bröltalbahn ermöglichte.

Da diese Parzelle versumpft und landwirtschaftlich ungenutzt war und blieb, wirft sich die Frage auf: wurde hier nicht ein großer Fehler begangen? Pastor Junkersfeld, der als erster die Bröler Rektoratspfarre übernahm, war ein Vetter der Frau Völsing, eine geborene Junkersfeld. Als jene im Herbst 1956 starb, konnte vorgenannter Pastor sie kurz vor ihrem Tode bewegen, die "Teegadewess" der Kirche zu verschreiben.

Junkersfeld starb am 12. 7. 1960 und wurde in Bödingen auf dem alten Friedhof beerdigt.

 Vorgenannte verwitwete Frau Völsing (ihr Mann, Oberleutnant im 1. Weltkrieg, erschoss sich Anfang der 20 er Jahre), verkaufte nach dem 2. Weltkrieg an die Firma Teppich-Schlüter Bonn einen großen Wiesenkomplex im "Bernauel". Mit dem Kaufpreis verband sie die Bedingung, dass die Katasterbezeichnung "Im Bernauel“ in "Katharinental" umgeschrieben würde. (Katharine war ihr Vorname).

Die Firma Schlüter baute zwei größere Hallen, die sie mit Webereimaschinen ausrüsten ließ. Bedingt durch die miese Wirtschaftslage von damals, fehlte es an Grundstoffen, was» zur Folge hatte, dass sie nach ca. 3 Jahren in Konkurs ging.

Nach ihr folgten noch zwei Firmen, denen ebenfalls keinen Bestand beschieden war. Schließlich gingen die gesamten Baulichkeiten endgültig in Besitz der Firma Kleinhans & Eckertz über, die die Herstellung von alkoholfreien Getränken in Angriff nahm.

Erwähnenswert wäre noch das Holzsägewerk Faber, welches 1910 gegründet und Bröl und Umgegend mit Bau- und Schnittholz belieferte. Der lange, fahrbare Schlitten, auf den die Stämme gewälzt wurden, um dem Gatter zugeführt zu werden, nahm ein langer Schacht auf, der in den Berg getrieben war.

Im letzten Weltkrieg diente der Schacht als Bombenschutz. Gatter und Sägen wurden durch eine große, auf Rädern fahrende Dampflokomobile angetrieben. 1929 wurde sie durch einen Elektromotor ersetzt. 1953 wurde der Betrieb geschlossen.

Der Name Sterzenbach - ein alt eingesessener Name - lässt sich über paar Jahrhunderte verfolgen. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts verliert sich seine Spur. Dass sie Streber waren, bewies schon der Vater, der sich im Jahre 1814 mit dem Erzbergwerkbau befasste.

Aber auch seine beiden Söhne traten in Vaters Fußstapfen, um in Bröl ihr Glück zu versuchen.

Sterzenbach begann das Bergen an verschiedenen Stellen, musste aber nach langen, mühevollen Versuchen die Arbeit wegen geringen Erzvorkommens einstellen.

Einer seiner Versuchsgänge lag am Alten Weg (heute Hauweg), schräg gegenüber der heutigen neuen Rennenbergbrücke.

Dieser Höhlengangmachte sich der Klausner Martin zunutze und richtete hier seine Bleibe ein.

Er hatte eine schwere Schuld auf sich geladen und hoffte hier durch Sühne, Ruhe und Erbarmung zu finden.

Klausner Martin stammte aus dem Lande der Roten Erde (Westfalen). Er kam aus einer ärmlichen Arbeiterfamilie, wo immer das Allernotwendigste zum Leben fehlte.

Die Not trieb ihn in den Wald, um Schlingen zu stellen. Er wollte auf diese Art den Arme-Leute-Kochtopf bereichern. Obwohl er wusste, dass Wildfrevel beim Grafen unter schwerer Strafe stand, wagte er in der Not das Äußerste.

Von Natur aus war Martin ein ruhiger und bescheidener Mensch, der nie einer unrechten Sache seine Hand leihen konnte. Hier stand er hilflos, ohne Arbeit, dort seine alten Eltern, denen das Nötigste fehlte.

So ging er in den Wald um das zu tun, was die Not gebar.

Aber schon beim ersten Fang stellte ihn der gräfliche Förster. Schon hörte er seinen Namen und: "Stehenbleiben!" Es kam zu einem Handgemenge. Martin griff nach dessen Kehle und ehe er sich versah, hatte er ihn erdrosselt.

Entsetzt stand er vor der Leiche. Noch krampften sich seine Hände zum Würgergriff. Erst langsam wurde ihm bewusst, was er getan, welches Verbrechen er auf sich geladen, und .der schweren Strafe die folgen würde. Dann wandte er sich um und floh kopflos durch die Forsten.

Innerlich aufgewühlt, von Reue gequält, stand er eines Morgens vor dem Kloster Merten. In seiner Not vertraute er sich einem Pater an. Doch dieser wollte ihn nicht freisprechen, wenn er sich nicht der weltlichen Gerechtigkeit stellte. Da verließ er noch aufgewühlter als zuvor das Kloster. Wieder irrte, er durch die Forste, bis er am Hauweg landete.

Das war die Beichte des Klausners Martin, die er dem alten Engels, einem Bauer aus Bröl, kurz vor seinem Ende tat.

Die schönsten Jahre seines Lebens verbrachte er büßend in dieser feuchten Höhle, die er zur Hütte ausgebaut und mit Stroh, Farn und Spreu ausgelegt hatte. Als Koch- und Wärmequelle diente ein aus Steinen gefertigter Kamin. Der Rauch wurde durch einen kleinen Schacht nach außen geleitet. Es war er- hebend, wenn man ihn morgens, mittags und abends vor der Höhle knien sah, wenn er seine Gebete Verrichtete. Das wallende Haupt- und Barthaar gab seinem Wesen einen besonderen Akzent.

Seine Nahrung bestand aus Beeren, Kräutern, Pilzen, sowie aus Spenden der Dörfler. Für die Spenden bedankte er sich, indem er Besen aus Heidekraut, Suppenschläger aus geschälten Birkenzweigen, sowie Körbe und dergleichen aus Weiden fertigte.

Etwa 12 - 15 Jahre mag er hier gehaust haben, bis eines Tages vorgenannter Engels den Gichtgeplagten tot vorfand. Noch selbigen Tags wurde er im Eingang der Höhle auf Stroh gebettet und am 3. Tag in ein Sackleinentuch eingeschlagen und auf dem alten Kirchhof in Happerschoß beigesetzt.

Oberhalb "Im Bungert", da wo der "Alte Weg" rechts durch den Furt des Brölbaches führte, liegt der "Duestich", ein Weideland-Komplex, der noch vor knapp 100 Jahren von dem mehrfach gespaltenen Brölbach durchflossen wurde.

Um die Mitte des 19. Jahrhundert versuchte man den Bach dadurch zu zähmen, indem man ihm seine Arme abrang und ihn in ein Bett zwängte.

Durch die vielen Krümmungen des Baches wurde dessen Lauf, insbesondere bei Hochwasser, gestaut, was zur Folge hatte, dass die Strömung die Ufer unterhöhlte und fort fraß, wodurch sich im Laufe der Jahre meterhohe Böschungen bildeten.

Trat Hochwasser ein, stauten sich die Wassermengen an den Böschungen so schnell, dass in kurzer Zeit ganze Wiesen- und Felderflächen von den reißenden Fluten überspült wurden, sich bis an die Häuser wälzten und diese oft meterhoch umbrausten.

Die Gefahren wuchsen umso mehr, wenn Ausgang Winters die Schneeschmelze einsetzte, und die Eisschollen sich zu Berge türmten. Dann blies das Horn Großalarm! Die Männer stürmten -mit Stangen und Haken bewaffnet an die gefährdeten Stellen, um die Schollen auseinander zu trennen. Mit dem Abtrieb der Schollen verlor sich auch der Stau des Wassers, wenigstens brachte er merkliche Erleichterung.

In späteren Jahren wurden die Eistürme gesprengt.

Als 1923 die Inflation auf den verlorenen Weltkrieg folgte, setzte auch zunehmend die Erwerbslosigkeit ein.

Der Notstand gebar neue Erwerbsquellen. In unserem Falle wurden Regulierungsarbeiten an Sieg und Bröl ausgeführt. Zunächst wurden die hohen Ufer und Böschungen am Brölbach abgetragen, Tümpel und Löcher zugeschüttet, Gestrüpp und Bäume gerodet, die alten Arme eingeebnet, einplaniert und dadurch eine Weidelandschaft geschaffen.

Ich selbst habe bei diesen Arbeiten mitgeholfen. Rücksichten auf die einzelnen Berufe gab es nicht. Wer der Aufforderung des Arbeitsamtes nicht Folge leistete bekam die Arbeitslosenunterstützung gesperrt. Der Verdienst lag im Durchschnitt bei RM 0, 61, dazu gab es wöchentlich ein Brot.

Es war eine furchtbare Zeit. Und doch waren die Menschen zufriedener als heute. Dem Verdienst möchte ich einige Kaufwerte gegenüberstellen: Ein O, 2 ltr. Bier kostete RM 0, 15, ein Likör RM 0, 50, 20 Apfelsinen oder 20 Heringe RM 1, 00. Als ich erwerbslos im Winter war, erhielt ich RM 13,20 Unterstützung pro Woche.

Nicht nur Überschwemmungen und Eisgänge waren gefürchtet, auch die Feuersbrünste, die oft ganze Häuserzeilen dahinrafften und Not und Leid über die Dorfbewohner brachten.

Die engen Gassen waren rechts und links von Häusern, Scheunen und Ställen umsäumt und bildeten daher einen Gefahrenherd ersten Ranges. Darüber hinaus wurde die Brandgefahr durch niedere Kamine, offene Feuerstellen, sowie durch primitive Öllampen beträchtlich erhöht. Aber auch die mit Stroh bedachten Häuser und Scheunen müssen mit einbezogen werden.

Löste sich ein Brand aus, und ein Wind kam auf, stand man dem wütenden Element fast machtlos gegenüber. Überall, wo nicht Quellen, Brunnen oder Bäche ihr Wasser spendeten, hatte man für alle Fälle Brandweiher angelegt. Die größeren Höfe waren weniger gefährdet, da sie in größeren Abständen er- richtet waren.

Noch ist mir ein Brand aus meiner frühesten Jugend in Erinnerung, den ich der Originalität wegen, in Form einer Anekdote wiedergeben möchte.

Am Ortsausgang von Bröl stand das alte Haus Krämer - Hovenbitzer. Es wurde, da es jahrelang nicht bewohnt war, 1966 wegen Baufälligkeit abgerissen.

Dieses Haus war das der Geschwister Anton und Franziska Krämer, im Volksmund "de besschens Anton" und "et besschens Fränzchen" genannt. Das Wort "besschen" (bisschen) schalteten beide gewohnheitsmäßig bei jedem 2. Satz ein. Z. B.: “Ach komm e besschen erenn", oder: "Wat häss du ebesschen do!" etc. So blieb das Wort "besschen" zeitlebens an ihrem Namen hängen.

Es war im Spätherbst des Jahres 1912. Fränzchen hatte auf ihren Bruder Anton gewartet, der noch nicht von der Arbeit zurück war. Regelmäßig trank er seinen Schnaps, den musste er haben, es war sein Lebensinhalt. Fränzchen wusste das, zumal heute Lohntag war. Sie machte sich nur Gedanken, ob er nicht wieder in irgendeiner Ecke oder Straßengraben lag und seinen Rausch ausschlief. Des Wartens müde, setzte sich Fränzchen allein an den Tisch und nahm mit dem bescheidenen Abendbrot vorlieb.

Im Anschluss hieran nahm sie die Petroleumlampe vom Tisch und ging zum Stall, um die Ziegen zu melken. Gewohnheitsmäßig hing sie die Lampe neben der Tür an der Nagel. Da in der Stube das Licht heller brannte, hatte sie vergessen den Docht herunterzudrehen.

Während sie zu melken begann, leckte das Flammenzünglein am Zylinder heraus und hatte im Nu die niedere Stalldecke in Brand gesetzt. Mit knapper Not konnte Fränzchen die beiden Ziegen noch losketten, trippelte oberhalb der Straße den Laufpfad entlang in Richtung Lehmkuhl und rief mit schwacher jammervoller Stimme: "Höllep her, et brennt! Höllep her, et brennt!" Schon waren die ersten Nachbarn der Lehmkuhl hörig, liefen zum Hause Wirtz am Eselsmarkt, um den Schlüssel vom Brandspritzenhäuschen zu holen, während jener mit dem Büffelhorn durch den Ort trabte und Alarm blies.

Das Spritzenhäuschen stand etwa 80 m rechts an der Bachstraße und wurde 1947 von der Gemeinde im damals üblichen "Kompensationsstil" zum Abbruch an den Landwirt Felder verkauft.

Nun zurück zum Brand.

Dass der Polizist Schell - der einen zweiten Schlüssel besaß - am Nachmittag einen Bettler eingesperrt hatte, wusste man nicht. So konnte dieser im Durcheinander unbemerkt entkommen, was allerdings anderen Tags zu behördlichen Komplikationen führte.

Nun raste man mit der Handspritze zum Brandort. Während ein Teil der Männer das Mobiliar aus dem Haus schleppten, stand Fränzchen am Fenster, warf Kleider, Bettzeug, Geschirr, Glas und Porzellan am Fenster heraus, um es in der Aufregung vor den "Flammen zu retten". Inzwischen hatte man den Wassergraben mit Stallmist gestaut, die Handspritze in Betrieb gesetzt, eine Kette gebildet, durchwelche die Wassereimer von Hand zu Hand flogen. Andere wieder schöpften Wasser aus dem Brünnlein, oder entnahmen es den Wasserhähnen der nahliegenden Lehmkuhl. In verhältnismäßig kurzer Zeit war der Brand unter Kontrolle gebracht, so dass sich die Helfer - außer der Brandwache - nach Hause begeben konnten. Inzwischen tauchte auch der “besschens Anton" auf. Als er sah was geschehen, tat er einen höllischen Fluch, warf dem Fränzchen seine Tasche, in der sich der Henkelmann befand, nach und schrie: "Du alt Dusseldier häss et Gehööch ahngesteichen, Deufelsmensch!" Hierbei rutschte er aus und fiel der Länge nach in eine Wasserlache, was bei den Männern die harten Züge löste und lautes Gelächter hervorrief.

Nun aber kam das bittere Erwachen. Eine Brandversicherung lag nicht vor, hierfür langte dem Anton das Geld nicht. Was nun? Angesichts der Notlage boten einige Männer ihre kostenlose Hilfe an, die sich schließlich auf das ganze Dorf erstreckte. Als die Gemeinde noch eine Bezuschussung anbot, standen selbst dem "besschens Anton" die Tränen in den Augen. Ob er dem Schnaps ganz entsagte, ist nicht bekannt, jedenfalls hat ihn keiner mehr in volltrunkenem Zustand gesehen. Ja noch mehr: der Weibsscheue "besschens Anton" heiratete eine Witwe mit 4 Kinder, mit der er später nach Bosnien zog.

Et "besschens Fränzchen" heiratete einen Mann namens Hovenbitzer, der den Fußstapfen Antons "würdig" folgte. Beide starben Mitte der vierziger Jahre, womit Bröl paar Originale weniger hatte.

Vor Seßbarmachung eines Bürgers vollzog sich immer ein prüfender Ritus, dem sich jeder hinzugezogener Bürger seinem Rat oder Schöffen unterziehen musste, ehe ihm die Bürgerrechte zuerkannt wurden:

"IM JAHRE 1809 TRAT JAKOB HOHLEN, GEBURTIG IN OVERPLEES MIT SEIN FRU. KATHARINA, GEB. KASBACH, VOR DEN MAIRE ALLHIER, UM BÜRGE DES AMTS ZU WERDEN".

Dann heißt es unter anderem weiter:

"DA DIESER MANN MIT FRU NICHT BEGÜTERT IST, SICH ABER ORTSÜBERALL EHRLICH AUFGEFÜHRT, SOLL SEYN BITTE ERLAUBET SEIN. ER GELOBET DAS BÜRGGELD MIT 3 THLR. ZAHLEN, DASELBS ZWEY MAAS WEIN EINSCHREIBGELD UN EIN MALTER HAFER BIS NÄCHST MARTINI AN SCHULTI-IEISS ALLHIER ABFÜHREN, DABEI VERFLICHT, ALL GEMEIN- RECHTE ZU BEFOLGT, UN MIT FRU GUTE BURGER ZU SEYN".

An der Ecke "Alten Weg" und "Am Steeg“ steht ein schöner, alter Fachwerkbau, der ursprünglich als Rohbau in der “Lehmkuhl", der jetzigen Wilhelmstraße, stand. Ein gewisser Schmitten ließ diesen Bau zimmern, musste aber infolge Verschuldung notgedrungen den Bau an Mathias Odendahl verkaufen. Dieser ließ das Balkenwerk auseinandernehmen und an obengenannte Stelle wieder aufbauen. In diesem Hause fungierte er als erster Steuereinnehmer der Bürgermeisterei Lauthausen.

Ehe die Bröltalstraße – die jetzige B 478 - gebaut wurde, mussten die Fuhrwerke, die aus Richtung Hennef-Allner oder umgekehrt fuhren, den alten Fuhrweg benutzen, der mit einigen Abweichungen der Flucht der jetzigen B 478 gleichkam. Dieser Fuhrweg - der heutige "Alte Weg" - führte bis zum "Bungert", bog nach rechts ab, wo er durch den Furt des Brölbachs (Duestich) geradenwegs auf den Hauweg traf, der dem Berghang entlang zum Rennenberg führte. Hier über- querte er über die alte Bruchsteinbrücke den Derenbach und ging talaufwärts weiter nach Winterscheid.

In einem Beschwerdebrief an den Landrat (1856) wird der schlechte Zustand dieses Fuhrweges gerügt. Es ist die Rede von tiefen Rinnen, Wasserpfützen und von zerbrochenen Rädern. Hierauf wurden schließlich nur die notwendigsten Ausbesserungen ausgeführt.

Im Jahre 1851 wohnte der Landrat des Siegkreises, Freiherr Maximilian von Loe, auf Schloss Allner. Da sich bei diesem die Beschwerden der Bürgerschaft häuften, veranlasste er den Fuhrweg auszubauen.

Diesem Vorhaben widersprach Siegburg und machte geltend, dass es zweckmäßiger und billiger wäre, infolge des Brückenbaues in Allner, die von Siegburg kommende Straße über Seligenthal, Happerschoß, Neunkirchen, Ruppichteroth auszubauen. Schließlich hätten die Überschwemmungen von Sieg und Bröl auf vorgenannten Ausbau keinen Einfluss mehr.

Der Landrat widersprach diesem Plan und verfocht den Ausbau des Fuhrweges durch das Bröltal. Erst im Jahre 1859 hatte die Eingabe des Landrats Erfolg. Das Preußische Ministerium genehmigte den Plan des Freiherrn v. Loe mit einem Staatszuschuss von 8000 Thalern pro Meile (knapp 7, 5 km).

Am 4. September selbigen Jahres wurde mit dem Bau der Bröltalstraße begonnen. Mit dessen Ausbau wurde am Rennenberg ein Dammweg mit einer Bruch- steinbrücke gebaut, die an den alten, vorgenannten Winterscheider-Weg Anschluss fand.

Dieser Weg wurde von den Gemeinden vor wie nach stiefmütterlich behandelt. Fahrrinnen und Schlaglöcher übersäten den Weg. Als sich die Klagen immer mehr häuften, wurde die Ausbauung angeordnet, die in den Jahren 1914 - 15 erfolgte.

Die zunehmende Motorisierung zwang auch hier die Behörden Abhilfe zu schaffen.

Im Frühjahr 1965 wurde mit dem Bau einer Spannbetonbrücke, nebst Aufschüttung eines neuen Dammes für die Straße begonnen. Im Zuge dieser Arbeiten wurde die alte Straße erbreitert und weiter ausgebaut. Im Spätherbst wurde sie dem Verkehr übergeben.

Die alte Bruchsteinbrücke mit dem Dammweg wurde im Frühjahr 1966 abgebaut.

Aber schalten wir zum Alten Weg in Bröl zum Jahre 1859 zurück.

Den Ausbau der Bröltalstraße nahmen die Bauern mit Genugtuung auf, versprachen sie sich doch einen zusätzlichen Verdienst. Da sich der Meistteil der Bauern im ober en Ortsteil angesiedelt hatte, war denen nichts wünschenswerter, als den Bau der Straße durch den oberen Ortsteil.

Als aber eines Tages die Vermessungsleute erschienen und die Fluchtstäbe auf den "Alten Weg" steckten, protestierten die Bauern und bestanden auf den Bau der Straße im oberen Ortsteil. Als alle Bitten und Proteste erfolglos blieben, zogen sie geschlossen zum Land- rat nach Allner und trugen ihm persönlich ihre Bitte vor. Hierauf erschien dieser persönlich, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen. Der Landrat zeigte Verständnis und versprach sein Bestes zu tun, um dem Wunsche der Bauern zu entsprechen.

Geschlossen gingen sie zum Alten Weg, einige mit Knüppel bewaffnet, rissen alle Stäbe aus und pflanzten sie in Reih und Glied in die obere Dorfhälfte, dahin, wo die jetzige B 478 verläuft.

Hätte der Landrat beim folgenden Lokaltermin die Handlung der Bauern nicht mit Humor aufgefasst, wäre der Plan noch in letzter Minute gescheitert.

Als anderen Tags die Vermessungsleute wieder ihre Stäbe am Alten Weg auf- stellten, riss den Bauern die Geduld.

Unweit des Dorfbrunnens - an der Ecke Bröl-Bachstraße - stand ein altes Wirtshaus: "Die Dorfschänke". Sie war ein Meilenstein im alten Bröl. Hörte man die ältesten Bürger von ihrer Schänke erzählen, wurde das Dorfleben von einst lebendig. Man erlebte die Zeiten, die Menschen, die Leiden und Freuden, alles das, was einst die Bürger bewegte. Sie wussten auch von den Krämern und Händlern zu berichten, von Fuhrleuten, die mit ihren Gespannen zur Pferdetränke anhielten, währenddessen sie sich ein paar "Fuhrmänner" (Schnäpse) zu Gemüte führten.

Dem damaligen Wirt der Schänke wurde gegen geringes Entgelt zur Pflicht gemacht, alle durchfahrenden Gespanne mittels Schlagbaum anzuhalten. Nachdem diese ihren Obolus entrichtet hatten, welcher als Unkostenbeitrag für den Ausbau der Straße erhoben wurde, konnten sie weiterfahren.

Das Wirtshaus wurde später von einer alteingesessenen Familie bewohnt. Am 1. 10. 1940 wurde es abgerissen, da die Gleise der Bröltalbahn begradigt und damit die Sichtverhältnisse verbessert wurden.

In unmittelbarer Nähe vorgenannter Dorfschänke stand und steht heute noch ein alter Fachwerkbau, in welchem der letzte Postillion von hier zuhause war. Sein Dienstbereich erstreckte sich zwischen Hennef, Bröl, Winterscheid und Bödingen. Er war noch einer von den Alten, die in Ausübung ihrer Pflichten ihren Mann standen.

Durch den Bau der Straße entwickelte sich regen Verkehr, der das Bröltal günstig beeinflusste.

Als im Jahre 1863 die Straße zwischen Schönenberg und Eitorf gebaut wurde, ging ein langersehnter Wunsch in Erfüllung.

Beim Straßenbau wurde die gesamte Erdbewegung durch Handarbeit getätigt und mittels Holzkarren und Feldloren fortbewegt.

Der Untergrund bestand aus Grauwackersteinen, Packlagen genannt. Die Basaltsteine für die Straßendecke (Schotter) wurden von der Bröltalbahn aus dem Westerwald angefahren.

Damals befand sich vor der Gastwirtschaft Wolters (ehem. Junkersfeld) das Abstellgleis. Vor dem Hause Dick war die Weiche. Von hier aus wurden die Wagen in das Abstellgleis geschoben, der Basalt aufgekippt und mittels sogenannten Steingabeln auf Pferdekarren geladen und an die Straßenränder gefahren. Zur Nachmessung der Steine schippte man sie in einen viereckigen Stahlkasten, dessen Inhalt ein Kubikmeter fasste.

Nun wurde auf die vorerwähnte "Packlage" ca. 10 cm Basalt aufgedeckt und mittels Pferde- oder Dampfwalze festgewalzt.

Der inzwischen angefahrene Schlemmsand wurde auf die festgewalzte Decke verstreut, mit dem Sprengwagen durchnässt, mittels Besen eingeschlämmt und anschließend festgewalzt.

Die Straßenbauarbeiten wurden meistens von Gefangenen und arbeitsscheuen Männern der Straf- und Erziehungsanstalt Brauweiler ausgeführt.

Für die Instandhaltung der Straßen waren Wärter eingesetzt. Sie hatten es nicht leicht, den Schlaglöcher Herr zu werden, verursacht durch Hufschlag der Pferde, oder durch eisenbereifte Lastautos, was sich besonders beim Auftauen des Frostes bemerkbar machte.

Um die erforderlichen Reparaturen ausführen zu können, wurde die jeweilige Straßenhälfte mit dicken, weißgetünchten Steinen belegt, was sich alle 20 - 30 Meter wiederholte.

Zur Reparatur schaffte der Wärter Steine, Sand und Wasser herbei, füllte die Löcher und festigte sie mit einem Eisenstampfer.

Die Straßenränder wurden meist mit Pflaumen- Apfel- oder Kirschbäumen bepflanzt. Kurz vor der Fruchtreife wurden sie in Lose aufgeteilt und an Ort und Stelle meistbietend versteigert.

Wir Kinder konnten den verlockenden Früchten nicht widerstehen. Oft genug gingen Beschwerden an die Lehrerschaft, worauf die Strafe folgte.

Ich erinnere mich, dass die Pflaumen zentnerweise zu den Trockenöfen gefahren wurden. Sofern die Äpfel nicht für die Winterlagerung bestimmt waren, wurden sie gepresst und zu Apfelkraut verarbeitet. Der Rest wurde geschält, auf Ringe geschnitten, auf eine Kordel gereiht und zum Trocknen aufgehangen. War das ein Schmaus: die Pflaumen- und Schnitzelsuppe!

Die Inbetriebnahme der Deutz -Gießener-Eisenbahn im Jahre 1858 veranlasste die Herren Friedrich Gustorf aus Friedrich Wilhelmshütte, Emil Langen und Gustav Lambion aus Lüttig, im Jahre 1859 die "Bröltaler-Eisenbahn-Kommanditgesellschaft" zu gründen. Vorgenannte Herren schlossen mit den Bürgermeistern Franz Schäfer, Ruppichteroth, Karl Eich, Lauthausen, Franz Strunk, Hennef und Wilhelm Jakob Lassoneur, Neunkirchen, einen Vertrag, dass sie sich mit der Regierung identisch erklärten, entlang der Bröltalstraße ein Gleis zu verlegen, bei Allner eine Holzbrücke über die Sieg zu bauen, welche außer der Fahrbahn für Fuhrwerke auch Platz für das Gleis haben sollte.

Am 27. 5. 1862 rollten die ersten Loren, von Pferden gezogen, durch das Bröltal. Die Gleise lagen bis ins Niedersaurenbachertal, wo die Eisensteingruben, sowie bei Schönenberg die Kalksteinbrüche einen lohnenden Abtransport boten. Zwei Jahre später, am 25. 6. 1863, wurde der 1 PS "Hafermotor" durch eine Dampflokomotive abgelöst. Anfangs standen die Menschen dem fauchenden Ungeheuer mit Misstrauen gegenüber.

Als man 7 Jahre später am Ende des Güterzuges einen Personenwagen anhing, wagte sich kaum einer mitzufahren, obwohl man die Mitfahrt kostenlos anbot. Nur zögernd machten die Leute von diesem Angebot Gebrauch. Als die ersten Fahrgäste unversehrt nach Hause kamen, schwand das Misstrauen immer mehr, ja, die Zahl der Fahrgäste nahm stetig zu. Es gehörte bald zum guten Ton, einmal mit dem modernsten Verkehrsmittel gefahren zu sein. Zwei Jahre dauerte dieses kostenlose Vergnügen.

Doch wer beschreibt das Geschimpfe, als eines Tages ein Mann in Uniform er- schien, um Fahrgeld zu kassieren?

Trotz anfänglichem Boykott, fügte man sich langsam in das Unabänderliche, hatte man sich doch zu sehr an das moderne Verkehrsmittel gewöhnt. Ab 1875 fuhren die ersten Personenzüge regelmäßig.

Dass der Fahrplan bei diesen Fahrten eine untergeordnete Rolle spielte, versteht sich von selbst.

 Damals war die Fahrkartenausgabe in der Wirtschaft Junkersfeld. Machte das Bähnchen Station, stiegen mit den Fahrgästen auch die Durstigen aus, um sich ein Schnäpschen (kostete damals 0, 05 Mark) zu Gemüte zu führen. Wenn es paar mehr wurden und die Zeit des Aufenthaltes hierfür nicht reichte, zog man sicherheitshalber den Schaffner mit an die Theke, wobei ein paar Schnäpschen Wunder wirkten. Sollte unverhofft eine Kontrolle auftauchen, wusste der Maschinist durch Lockerung einiger Schrauben die Situation zu retten. Hierbei soll es vorgekommen sein, dass sich die planmäßige Abfahrt des Zuges um 30 Minuten verspätete.

Als die Erztransporte, wegen Nachlassen der Förderung, weniger wurden, sah man sich gezwungen, den Ausbau der Gleise bis nach Waldbröl auszudehnen, um die Rendite der Bahn zu verbessern. Die erste Fahrt Hennef-Waldbröl war am 6. 9. 1870.

Fuhr das Bähnchen durch den Ort, durfte es die Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometer nicht überschreiten. Die Lok musste läuten und bei Gefahr pfeifen, das "Tempo" verringern, wenn ein Pferd scheute, oder sonstige Gefahr im Verzuge war.

Vor der Haustür der einstigen Kneipe, sowie am Weg nach Bödingen, wurde ein Riegel, bzw. Stange vorgezogen, die als Schranke diente.

 Am 7. 10. 1934 wurde die Lok des Personenzuges von einem Schienenbus abgelöst. Der Autoverkehr nahm von Jahr zu Jahr zu.

Auch die Bröltalbahn, die sich seit 23. 11. 1921 "Rhein-Sieg-Eisenbahn" nannte, durfte den Fortschritt der Zeit nicht versäumen. Der Personenverkehr wurde mehr und mehr auf Omnibusse verlegt (erstmals am 2. 2. 1925).

Der immer mehr zunehmende Straßenverkehr machte sich bei der Bahn durch steigende Unrentabilität bemerkbar. Diese Tatsache brachte Überlegungen, den Schienenverkehr stillzulegen. Darüber hinaus war die schmale Straße dem rollenden Verkehr nicht mehr gewachsen.

Als die Straße infolgedessen erbreitert werden sollte, war der Abbruch der Schienen eine beschlossene Sache. Am 20. April 1954 machte die Dampflok der Rhein-Sieg-Eisenbahn auf dieser Strecke zum Bahnhof Bröl ihre letzte Fahrt.

Der letzte Personenzug mit Dampflok fuhr bereits 2 ½ Jahre früher und zwar aus einem ganz besonderen Anlass:

Am 30. 1. 1952 feierten die Eheleute Leven aus Müschmühle ihre Diamantene Hochzeit.

Damals schon hatten Bus und LKW den Schienenverkehr abgelöst. Da die weltliche Feier in Bröl, im Saale Wolters stattfinden sollte, hatte das Paar den Wunsch geäußert, ihre letzte und schönste Fahrt in diesem Leben mit der Bröltalbahn zu tun. .

Ihr Wunsch sollte Erfüllung bringen. Am Abend des Jubeltages fuhr in Allnermühle die alte Dampflok mit zwei Personenwagen vor. Mit Tannengrün und Girlanden geschmückt, unter Läuten und Pfeifen, ging die frohe Fahrt in den winterlichen Abend hinein. Die Bevölkerung von Bröl bereitete dem Jubelpaar einen herzhaften Empfang.

Obwohl das Paar längst die kühle Erde deckt, erinnert man sich noch gerne an das außergewöhnliche Fest.

Im Mai 1954 begann man mit dem Aus- und Erweiterungsbau der Bröltalstraße. Der Verkehr wurde während dieser Zeit über Allner, Neunkirchen, Ingersau umgeleitet. Der Walbach wurde für die Straße neu verrohrt. Am 1. 11. 1955 konnte die Bröltalstraße mit einer festen Teerdecke versehen, dem Bund über- geben werden. Sie trägt seit vorgenanntem Datum die Bezeichnung B 478.

Bezüglich der Bröltalbahn soll auch ein Intermezzo Platz finden, dass sich im ersten Weltkrieg ereignete.

Im Jahre 1917 lagen die Bestände an Sonderzuteilungen in einem Schuppen der Volksschule Bröltal. U. A. lagerten hier 5 Kübel Kriegsschmierseife, die nach Aufruf an die Bevölkerung verteilt werden sollten.

Wir Jungens, immer zu Streichen bereit, entnahmen einem Kübel paar Hände voll Seife und schmierten diese beim Nachhausegang auf die Schienen der Bröltalbahn. Um diese Zeit kam der Güterzug, dessen Lokomotive fauchte und ächzte wie ein wildgewordener Kater. Als nun die Lok die seifenbeschmierte Stelle passierte, drehten sich plötzlich die Räder auf der Stelle, wobei der Zug immer mehr zurücksetzte.

Wir Jungens standen in angemessener Entfernung und hatten unser Gaudium an diesem Zischen, Fauchen und - Fluchen! Während der Heizer die Schienen säuberte und mit Sand bestreute, musste der Zug bis zum Schlosswald zurücksetzen, um aufs Neue mit Volldampf gegen die Stelle anzurennen. Anderen Tags standen drei "Schwerverbrecher" vor der Klasse, die:

1.       des Diebstahls,

2.       der Sabotage im Kriegsfall angeklagt waren.

Der damalige Lehrer Gerling sprach und vollzog das Urteil, das wohl allen Beteiligten zeitlebens in Erinnerung geblieben ist.

Aus meiner Jugendzeit weiß ich mich noch zu erinnern, wenn die Großeltern von der “Köhlersch Möhn" erzählten, die total verarmt von Hof zu Hof zog, um sich den Lebensunterhalt durch Waschen, Stopfen und Flicken zu verdienen. Als ihr Mann noch lebte, bewohnten sie eine Hütte im Forst der "Langkhelte", dem jetzigen Katharinental. Dort betrieben beide eine Köhlerei. Durch die Verkohlung von Buchenholz wurde die Holzkohle gewonnen.

Der Vorgang war folgender:

Man trieb einen etwa 3 Meter langen Pfahl in die Erde, schichtete die etwa 1 - 1,50 Meter langen Holzstücke schräg zum Mittelpfahl aufeinander, bedeckte dann den sogenannten Meiler rundum mit Erde, ließ dem Meiler von unten bis oben einen schwachen Luftdurchzug, zündete diesen an und ließ ihn langsam verkohlen

Während der Kohlzeit sägten sie Bauholz, eine harte Arbeit. Zu diesem Zweck grub man eine 1 Meter tiefe Grube, stellte hierüber einen Dreibock auf, wälzte auf diesen den zu sägenden Stamm. Auf dem Bock stand der Mann, die Frau in der Grube. Nun zog man die Dummsäge im Wechsel herauf und herunter. Das war die "gute, alte Zeit".

Abends saß man Winters beim matten Schein der Ölfunzel, die später von der Petroleumlampe (Steenolligslamp) abgelöst wurde. Nachdem die Hochspannungsleitungen unser Dorf (19 l 3 - 14) erreicht hatten, flammte hie und da elektrisches Licht auf.

Wenn in den Wintermonaten abends gegessen war, wurde, um Öl zu sparen, die Lampe gelöscht und alle versammelten sich um den flackernden Kamin. Während die Mamm strickte, schmauchte der Babb die irdene Pfeife, indessen die Groß schlaftrunken nickte.

Inzwischen waren die Bratäpfel gar geschmort, die Kinder griffen danach, warfen sie in den Händen hin und her bis sie abgekühlt waren, um sie dann mit Genuss zu verzehren. Oder die Groß griff nach der Kloog (eine Zange, womit man die glühenden Bolzen aus dem Feuer nahm, die zum Erhitzen in das Bügeleisen geschoben wurden), um die Krebse vom Bratrost zu nehmen, die es im Brölbach reichlich gab.

Dann war es soweit. Die Kinder ins Bett. In der Stube wurde sich ausgezogen, dann ging es den "hölzernen Berg" (Treppe) hinauf. Wie schlief es sich so gut und gesund auf dem Strohsack, Dann wurden die Schuhe nachgesehen, ob keine Nägel in den Sohlen fehlten, worauf sie gesäubert und mit Tran eingerieben wurden.

Die Mahlzeiten bestanden vorwiegend aus Brot und Kartoffeln. Ein vier Personen Haushalt kellerte mindestens 25 Ztr. Kartoffel im Herbst ein.

Zum Abendbrot gab es "Kaffe on Äepel", oder die Mamm hatte eine großen "Äepeldkoochen" (Kartoffelkuchen) gebacken, der mitten auf dem Tisch stand woran alle gemeinsam zulangten.

Hier einige Speisen aus Mutters Küche: "Himmel on Äed" - einen Eintopf, der aus kleingewürfelten Kartoffeln, Sellerie, Breitlauch, mit gebratenen Speckwürfelchen bestand. Die auf der Suppe schwimmenden Fettaugen bedeuteten den Himmel, Kartoffel und Gemüse die Erde. Dann gab es "Schleeverschlott", Salat mit Kartoffelpüree verquirlt. “Äepels Tipp" Pellkartoffeln und eine Schüssel (Komp) Tunke, bestehend aus Buttermilch mit Rahm oder dicker Milch und kleingehackten Zwiebeln. Dann: "Bruutzupp" (Brotsuppe), "Mellzupp" (Mehlsuppe), "Bottermellechzupp" (Buttermilchsuppe), "Geäsch on Äepel“ (Gerste mit Kartoffel), "Knöchelzupp", Eintopf aus Kartoffel und "Wölleklööss" (Dicke Stangenbohnen), "Mellichzupp" (Milchsuppe mit Weißbrotbrocken), "Wöschbrei" (Eier, Milch und Mehl geschlagen und in der Pfanne unter Rühren gebacken). Im Frühjahr gab es "Bröhnesselspott" (junge Brennnessel mit Kartoffel), "Schnetzelzupp“ (Mehlsuppe mit getrockneten Apfel- und Birnenschnitzel). Der Kaffee, den man selbst aus Korn röstete, mit einem Schuss Ziegen- oder Schafsmilch, mundete sehr. Das selbstgebackene Schwarzbrot mit Butter von "Bergmannskühen" (Ziegen), dazu Klatschkäse oder Rübenkraut, rundete das Mahl ab.

Gebacken wurde alle 3 Wochen. In der Backmohle wurde der Teig angesetzt, mit den Füßen geknetet und auf dem Tisch zu einem Brotlaib ausgewirkt. Inzwischen war der Steinbackofen mit Holzscheiten angeheizt, worauf die Laibe in den Ofen geschossen Wurden. Gleichzeitig wurde in einem irdenen Topf (Döppen) den Sauerteig für das nächste Gebäck angesetzt.

Ehe der Brotlaib zur Mahlzeit angeschnitten wurde, war es Sitte, dass das Bitt- und nachher das Dankgebet gesprochen wurden. Vorerst nahm der Hausherr das Brot, bekreuzigte es mit dem Brotmesser, worauf er es anschnitt. Diese Sitte sollte an das Abendmahl Christi erinnern.

Kam man in die dörflichen Stuben, sah man in Kaminnähe auf einem Brett (Döppebank) eine Reihe irdener Töpfe stehen, welche Milch enthielten, wovon der Rahm bereits abgeschöpft war. Wenn die Milch zu Käse geworden, wurde sie in ein Tuch gegossen und zum Eindicken über einen Eimer gehangen, damit sich das Wasser absonderte.

Der abgeschöpfte Rahm wurde in einen größeren Topf gegossen und mit einem kleinen Birkenbesen zu Butter geschlagen. Bei den Bauern war das Butterfass (Kirne) längst in Mode. Ebenso kamen im Laufe der Jahre immer mehr die Zentrifugen auf.

Der Fußboden, sowie Tische, Stühle und Bänke wurden am Samstagmit feinem Sand und etwas Schmierseife weißgescheuert. Darauf wurde bis Sonntagmorgen der Boden mit Sackleinen oder Papier etc. ausgelegt, um ihn bis dahin sauber zu halten. Wochentags wurden die Stuben mit dem Besen ausgefegt, denn die Wege waren bei Regenfällen sehr verschlammt, wodurch viel Schmutz in die Stuben getragen wurde.

Decken und Wände wurden mit Kalk getüncht und die Sockel bis auf 30 cm Höhe mit Ruß geschwärzt.

Auch war es üblich, dass man in den frühen Abendstunden zum Nachbarn "nopern" ging. Geredet wurde viel, und wenn es einen Dörfler betraf, wurde ganz "vertraulich" miteinander gesprochen, bis es schließlich doch an die "große Glocke" kam. Und nicht selten beschäftigten sich die Gerichte damit.

Der Kindersegen, der insbesondere bei den unteren Schichten anzutreffen war, brachte mit diesem aber auch oft genug Armut und Sorgen in die Familien. Auf die Frage: Warum? Weshalb? möchte ich nicht näher eingehen. Gesagt sei nur: dass die weltlichen, sowie die kirchlichen Einflüsse einander einig gingen, um den Kindersegen zu erhalten.

War man am Samstag zur Beichte gegangen, um sonntags zu kommunizieren, war es verboten, nach Mitternacht noch Speisen und Getränke zu sich zu nehmen. Für die Kinder war es doppelt so schlimm, da sie ja früh zu Bett mussten und oft genug bis 9 - 10 Uhr anderen Morgens nüchtern waren. So blieb es nicht aus, dass manchen Kindern übel wurde und aus der Kirche getragen werden müssten.

Die Kinder wurden meistens zu Hause geboren. Nur in schwierigen Fällen wurde die "Wehfrau" (Hebamme) zugezogen. Solange die Mutter das Wochenbett hüten musste, versorgte, soweit es an Eigenhilfe fehlte, die Nachbarin das Kind. Durch die Geburt war die Mutter "unrein" geworden. Sie durfte das Haus nicht verlassen, bevor sie der Geistliche ausgesegnet hatte. Später wurde der erste Gang zur Kirche eingeführt, wo dann die Aussegnung stattfand.

Das war die "gute, alte Zeit".

An den schneefreien Wintertagen gingen die Männer mit Axt, Säge und einer Leiter in den Wald um Holz für den Winterbrand zu fällen. Es war damals üb- lich, dass man von meterdicken Buchenstöcken nur ein Teil der Äste absägte, um sich den Baumbestand zu erhalten. Im Frühjahr schossen neue Triebe her- vor, die für die späteren Jahre den Holzbestand sicherten.

Oft waren die Buchenstöcke so alt, dass das Herzstück zu faulen begann. Hier fanden die Spechte Nahrung. Sie hämmerten oft tiefe Löcher in die Stämme, die den Eulen als Behausungen dienten.

Die Wald- und Ackergrenzen waren durch den "Strühwösch" kenntlich gemacht. Es war ein Holzstab, auf welchen man einen Strohwisch gebunden hatte. Schritt man durch den Wald bei Dunkelheit, leuchtete es oft gespensterhaft auf. Es waren faule Eichenäste die sich durch Oxydation grün färbten, hierdurch eine Schwefelverbindung eıngingen und dadurch aufleuchteten.

Weihnachten war das Fest der Kinder. Bis zu 6 - 7 Jahren glaubte man noch fest an das Christkind. Früh um sechs ging man zur Christmette, oft durch hohen Schnee. Kaum hatte die Mutter Licht gemacht, stürmte man die Treppe hinunter, voller Aufregung und Erwartung, ob das Christkind dagewesen. Da stand auf dem Tisch unser Suppenteller voller Naschereien! Obenauf lag der Klooskääl, der Hietsbock (Hahnenformgebäck), Äpfel- und Birnenschnitzel, Feigen und Milchplätzchen. War man besonders brav gewesen, lagen auch Stricksachen dabei. Schal, Heischen (Handschuhe), Stuchen (Pulswärmer), paar Taschentüchlein mit Bildchen drauf, Ohrschützer, Brustwärmer, für die Mädchen einen Muff (Handwärmer). Aber auch die Rute fehlte nicht. Den Weihnachtsbaum mit Krippe konnte man in der Nachtmette bewundern. War das schön(? ).

Wenn es die Witterung zuließ, ritten die Bauern am 2. Weihnachtstag mit ihren Pferden aus, um den "Steffensritt" zu machen. Es war eine Sitte, die verschiedene Auslegungen fand. Mehr wohl ging es darum, die Pferde zu bewegen, damit sie nicht lahmten.

Zu Sylvester trafen sich die Männer Privat, oder in den dörflichen Kneipen zum Bretzelkarten. Es wurde vorwiegend "sibbegeschröhmt", ein Spiel, zu dem jeder Teilnehmer zu Beginn seinen Einsatz ins "Pöttchen" legte und vor sich auf die Tischplatte sieben Striche mit Kreide malte. Nun wurde angespielt. Es ging um den letzten Stich. Glaubte ein Spieler die gewinnbringende Karte zu besitzen, bot er den Mitspieler zwei Striche. Man konnte diese halten, oder nicht (passen). Hielt man und verlor, mussten die Striche geputzt werden. Hierbei wurde oft gemogelt, man bot mehr wie man halten konnte, und passten die andern, so hatte man "getüütet" (geblufft). Wer zum Spielende den letzten Strich besaß, hatte die Bretzel gewonnen. So ging das bis in den frühen Morgen hinein.

Kam Vater mit einem Stapel Bretzel nach Hause, war sein erster Gang an die Betten seiner Lieben. Das erste Frühstück im Neuen Jahr war Vaters Bretzel, die, verbunden mit herzlichen Wünschen auf Gesundheit und Glück, verzehrt wurden.

Wochenlang lag Schnee. Tümpel, Teiche und Bäche waren zugefroren. Alt und Jung holten Schlitten und Schlittschuhe hervor und tummelten sich im Schnee bis in den späten Abend hinein.

Nachbarhilfe wurde ehemals groß geschrieben. Wo Not war, wurde zugepackt. Sobald sich das Frühjahr ankündigte, der Saft in die Hölzer stieg, begannen die Bauern junge bis mittlere Eichenstämme zu fällen, um sie anschließend zu "luhen" (schälen). Die getrocknete Lohe wurde an Lederfabriken verkauft, sie diente als Gerbmittel für Tierfelle. Das Holz wurde zu Weidepfählen oder zu Brandholz verwand. Das Reisigholz wurde zu "Schanz en" (Holzbündel) gebunden, es diente als Anmachholz.

Nun war auch für die Kinder die Zeit gekommen, wo das "Ommern" (Klickern) "Dilldopschmecken", Ball und sonstige Spiele aufkamen.

Einmal im Jahr, zur Kirmes, wurde Blatz und Appeltaat gebacken. Für die Kirmes wurde das ganze Jahr gespart. Keiner wollte auf dem Kirmesball zu kurz kommen. Tranken Schmitzens zwei Flaschen Wein, tranken Schulzens drei. Die Kinder gingen in den Herbstferien zu den Bauern kartoffellesen. Der Tage- lohn bestand aus Kost und 50 Pfennig. Trotz der morgendlichen Kühle im Oktober, wo die Finger steif wurden und der Rücken schmerzte, war es ein Vergnügen , wenn der Bauer zur Kaffeepause das Kartoffelfeuer anzündete, wir es um- lagerten und paar dicke Kartoffel im Feuer brieten.

Als Gäste wurden Ohm und Tant zur Kirmes geladen, die für die Kinder auch einen Groschen Kirmesgeld mitgebracht hatten.

Bevor sich die Gäste auf den Heimweg machten, legte die Mamm dem Ohm ein Blatz ins Sacktuch, band alle vier Enden zusammen, steckte dessen Spazier- stock hindurch und legte ihm diesen über die Schulter. So traten beide den Heimweg an.

Nun kam die Zeit, wo geschlachtet wurde. Meist hatte auch der kleinere Mann sich ein Schwein fett gefüttert. Tagelang kam Wurstsuppe mit gebratener Blutwurst auf den Tisch. Es hieß mal wieder aus dem Vollen schöpfen. Dem Nachbarn wurde auch eine Kostprobe gereicht, das beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit. Das Kleinfleisch wurde gepökelt, Wurst und Schinken kamen ins "Rööches". Geräuchert wurde mit Wacholderzweigen, des feinen Geschmackes wegen.

Dann rückte Martini heran und damit das Fest der Kinder. Das Fest unseres volkstümlichen Heiligen St. Martin.

Durch seine Beliebtheit haben sich im Laufe der Jahrhunderte viele Legenden und Sagen gebildet, die jedes Jahr erneut erfreuen.

St. Martin wurde im Jahre 336 als Sohn eines römischen Hauptmanns in Ungarn geboren. Später wurde er Söldner und Streiter für das Christentum, gründete um 370 ein Kloster in Portiers, erhielt 5 Jahre später die Bischofswürde von Tours und starb am 11. 11. des Jahres 400.

Es erzählt die Legende, dass er, als er noch als Legionär diente, auf einem weißen Schimmel reitend, im kalten Winter an einem frierenden Bettler vorbeiritt, erbarmungsvoll mit seinem Schwert seinen Mantel in zwei Hälften teilte und die eine dem armen Bettler überließ.

Nach einer Weisung des Himmels trat er in ein Kloster ein und machte sich durch Liebe und Güte bei den Armen beliebt.

Als der Bischof von Tours starb, sollte St. Martin sein Nachfolger werden. Jedoch verbarg er sich aus Demut und Bescheidenheit in einem Gänsestall, um dadurch seiner Ernennung zu entgehen. Das Schreien der Gänse jedoch verriet sein Versteck. So wurde er Bischof von Tours.

Aus diesem Anlass kommt in manchen Gegenden zum Feste des Heiligen eine gebratene Gans auf den Tisch.

Eine anderslautende Legende erzählt, das Schlachten der Gänse rührte von den Germanen her, die ihrem Gott Wotan dienten und ihm zu Ehren im November eine Gans opferten. Als sich das Christentum verbreitete, hätte man im 5. Jahrhundert diese Sitte auf St. Martin übertragen.

Nach der Reformation ging der Brauch der Martinsgans bei den Protestanten auf den 10. November über, dem Geburtstag Martin Luthers, der am 11. 11., am St. Martinstag, getauft wurde.

Die Legende erzählt weiter, dass St. Martin einmal Wasser zu Wein verwandelt hätte, seitdem würde er von den Winzern als Schutzpatron verehrt. Auch bei den Bauern war Martini ein wichtiger Tag. An diesem Tage wurde früher der Zehnte entrichtet und später die Pachten. Ferner wechselte das Gesinde (Knechte und Mägde) ihren Hofherren.

Auch im Wetterkalender fand St. Martin starke Beachtung. Zwei Bauernregeln sind mir noch in Erinnerung: "Bringt Martini Sonnenschein, tritt ein harter Winter ein". Und: "Ists Martini nass und trüb, bleibt der Winter mild und lieb". Am beliebtesten aber ist St. Martini bei den Kindern. Schon Wochen im Voraus wurde von den Jungens Stroh und Holz gesammelt und zu einer großen Pyramide aufgetürmt.

Am Abend des 11. Novembers zogen die Jungens mit ihren selbstgebastelten Fackeln von Haus zu Haus um Geld für die Martinswecken zu sammeln.

Die Fackeln wurden ausschließlich selbst gebastelt. Viele waren aus Holz, Pappe und Papier gefertigt. Andere hatten kleine Kürbisse oder Rüben ausgehöhlt und zu den tollsten Grimassen verarbeitet. Erstaunlich waren die Einfälle, die von den Kindern entwickelt wurden!

Wenn die Jungens mit Gesang von Tür zu Tür zogen, erhielten sie überall eine Gabe. Immer wieder klangen die Verse:

St. Martin, St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind,
Sein Ross das trug ihn fort geschwind.
St. Martin ritt mit leichtem Mut.
Sein Mantel deckt in warm' und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann,
hat Kleider nicht, hat Lumpen an.
"O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bitt' re Frost mein Tod".

St. Martin, St. Martin, St Martin zieht die Zügel an.
Sein Ross steht still beim armen Mann.
St. Martin mit dem Schwerte teilt,
den warmen Mantel unverweilt.

St. Martin, St. Martin, St. Martin gibt den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
St. Martin aber ritt in Eil,
hinweg mit seinem Mantelteil.

St. Martin, St. Martin, St. Martin legt sich müd zur Ruh,
da tritt im Traum der Herr hinzu.
Er trägt des Mantels Stück als Kleid,
sein Antlitz strahlet Lieblichkeit.

Meist waren die Abendstunden schon weit vorgerückt, wenn das Martinssingen zu Ende war. Zunächst wurde für jeden den Martinswecken beim Bäcker gekauft und mit Hochgenuss verzehrt. Der Rest des Geldes wurde aufgeteilt. Dann ging es mit Gesang zum Martinsfeuer, das inzwischen angezündet wurde. Mit der zusammensinkenden Glut erlosch auch der Gesang - bis zum nächsten Jahre.

In neuerer Zeit wird der Martinszug von Dorfvereinen organisiert. In geschlossenem Zug, angeführt durch den St. Martin, der hoch zu Pferde sitzt, ziehen die Kinder singend durch den Ort. Eine begleitende Musikkapelle umrahmt die Feier. Heute tragen die Kinder alle gekaufte Fackeln. Die Häuser sind mit bunten Lampions geschmückt, was sich erhebend auswirkt.

Wenn die Kapelle das Martinslied intoniert, die fröhliche Kinderschar in das Lied einstimmt, werden eigene Kindesträume wach.

Der Zug endet am Martinsfeuer, das inzwischen angezündet wurde. Nun ist der Augenblick gekommen, wo St. Martin im Schein des Feuers an die Kinder seine Ansprache hält. Anschließend erhält jedes Kind seinen Martinswecken. Während der Verlosung der Martinsgans flackern die letzten Reste des Feuers auf, womit die Feier ihren Abschluss findet.

Wie schon erwähnt, wechselten Knechte und Mägde um Martini ihre Stellen. Sie packten ihre Habseligkeiten in eine Kiste oder "Schluusmahn" (viereckiger Korb mit Deckel)und verdingten sich auf einem anderen Hof. Beim Wechsel bediente sich ein Bauer folgender List: Bevor er mit dem Gesinde den Kontrakt schloss, lud er sie zum Essen ein. Assen sie langsam, oder redeten viel, waren sie nach seiner Meinung träge und faul, er schickte sie einfach fort.

Einen großen Halfen erkannte man am Misthaufen vorm Hause, je größer der Haufen, je größer der Viehbestand, und das entsprach seinem Einfluss.

Eine harte, tägliche Arbeit war das Wasserschleppen für Haus und Vieh, umso schlimmer, wenn sich der "Pötz" (Brunnen) nicht auf dem Hof befand. Das Wasser wurde in einem Holzkübel (hochgeschwengelt" (gedreht), in Eimer gegossen, und mit den Händen oder Trageholz (Jauch) zum Hof getragen. Damals War der Wasserverbrauch im Gegensatz zu heute minimal. Badezimmer gab es noch nicht. Man Wusch sich in der "Komp" (Schüssel). Später kamen die Holz- dann die Zinkbütten auf. Die Bauern hatten den großen gusseisernen Viehkessel (Kuhl), worin das "Gebreit" (Futter) für das Vieh gekocht wurde. Am Wochen- ende wurde er gesäubert und für das Badewasser hergerichtet.

Die Ernteerträge des Bauern lagen weit unter denen von heute. Künstliche Düngung gab es nicht. Und der Naturdünger, Mist, Jauche, (Addel) menschliche Fäkalien, entsprachen nicht den Bedürfnissen.

Die kleineren Leute hatten im Hof das bekannte Häuschen mit Herz in der Tür. Unter dem Cousitz (Brell) stand ein Fass. War es voll, wurde es ausgefahren. Der Plumpsklo war nur bei den Bauern anzutreffen. So wurden die Äcker im Wechsel bestellt, ein Jahr für Sommer- und ein Jahr für Winterfrucht. Mangels Dünger ließ man sie im dritten Jahr brach liegen, damit sie sich erholen sollten. Der Wildwuchs wurde als Dünger eingepflügt. Der Bauer sprach dann von "Brachen".

Zu einem größeren Hof gehörten im Durchschnitt 30 Tagewerke, heute 30 Morgen (früher nannte man sie Hufe). Ein Tagewerk war die Größe eines durchschnittlichen Stück Landes, was von einem Ochsen an einem Tage umgepflügt werden konnte.

In den trockenen Jahren entstand oft genug im Frühjahr eine solche Futternot beim Vieh, dass man einzelne Tiere mittels Stricken hochziehen musste, um sie wieder auf die Beine zu bringen.

Trotz Verbots der gräflichen Förster, nebst den gemeindlichen Flurschützen, wagten sich die Frauen in den Wald, um das erste Grün mit der Sichel zu "kroggen". Hatte man eine Trage Futter zusammen, breitete man ein großes Sackleinentuch aus, häufte das Futter auf dasselbe, band alle vier Enden zusammen und trug es auf dem Kopf nach Hause.

In Notzeiten durfte an bestimmten Tagen das Vieh in die Gemeinde- und Privat- Wälder ausgetrieben werden. Hierbei war es jedoch ratsam, das Vieh am Strick zu halten, damit es nicht die Rinden des jungen Baumbestandes anfraß, denn das führte zu empfindlichen Strafen und im Wiederholungsfalle zum Weideverbot. Das Farn im Walde wurde geschnitten, getrocknet und für die Streu im Winter verwand.

Der kleine Mann hielt 1 - 2 Bergmannskühe (Ziegen), die den Haushalt mit Milch versorgten. Das Lamm, das sie im Frühjahr warfen, wurde als Osterlamm geschlachtet. Eine weitere Bereicherung war die Schafhaltung. Sie lieferte dem Hausmann nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch Wolle für Socken und warme Winterkleidung.

Mit Beginn des Winters begann für den Bauer der Drusch des Getreides. Dieses geschah mittels Flegel. Der Hergang war folgender:

Man legte etwa 8 - 10 Garben (Schobben) kreisförmig, die Ähren zur Mitte gekehrt, in die Tenne, schnitt das Strohband (Bängel) auf, worauf das Flegeln begann. Das Dreschen im Ein- Zwei- oder Dreiertakt klang wie Dorfmusik durch die winterlichen Gassen.

Nach dem Drusch wurde das Getreide mittels "Wann" gereinigt. Es war ein großer, geflochtener Korbteller, an welchem rechts und links zwei Haltegriffe angebracht waren. In der "Wann" wurde das Getreide hochgeworfen und wieder aufgefangen. Durch den hierdurch entstandenen Luftzug wurde die Spreu (Kaaf) vom Getreide getrennt.

Bessergestellte bedienten sich der Wannmühle. Durch eine Kurbel wurde ein Flügelrad in Gang gesetzt, welches die gleiche Funktion ausübt-e. Später wurde der Handbetrieb durch die Dreschmaschine ersetzt. Diese wurde mittels Göpel angetrieben. An einem Wellbaum war ein Zugtier angeschirrt, welches sich immerfort im Kreise bewegte.

Wie an anderer Stelle schon beschrieben, buk der Bauer sein Brot selbst. Er ließ alle drei Wochen ein "Gebäck" (etwa 40 Pfd. ) mahlen, wovon der Müller als Mahllohn ca. fünf Pfund abzog (molterte).

Die Tenne der Scheune musste besonders hergerichtet sein, weder zu hart noch zu weich. Zu diesem Zweck wurde roher Lehm gegraben, zerkleinert und etwa 25 cm dick auf den Scheunenboden geschichtet. Nunmehr wurde der Lehm gut durchfeuchtet, mit den Füßen zu einem zähen Teig getreten, geglättet und belassen bis er trocken war. Hatten sich Trockenrisse gebildet, wurden sie mit dünnen Lehm ausgegossen.

In jener Zeit zogen noch die Hausierer, die "Küüzebuure" und "Muusfallskrämer" an den Türen vorbei und boten ihre Waren an. Ihm folgte der Scherenschleifer mit seiner Schiebekarre, der sich läutend für Schleifarbeiten anbot. Nicht zu vergessen ist der "Orgelsmann", der mit seinem Leierkasten durch die Straßen zog und ein Obolus erbat.

Und erst der "Quetschenbüggels-Schäng“. Wenn er luftschnappend sein disharmonisches Gegröhle zu den Klängen des Quetschbüggels ertönen ließ, gab man gern, damit er weiterzog.

Wie dem auch war: er wusste sich jeder Situation anzupassen. Kam er zum Pastor sang er: "Großer Gott wir loben dich . . . ". Sang er bei jungen Leuten, schaltete er um und sang: "Puppchen, du bist mein Augenstern . . . ".

Sommers saß man abends nach getaner Arbeit vor dem Hause oder in der Laube, sang oder spielte auf der Mundharmonika. Da hatte das Wort "Zeit" noch seine wahre Bedeutung!

Noch Anfang der 20 er Jahre kam die "Kellershohn Ann" vom Brölerhof mit einem alten Korbkinderwagen angeschoben und fuhr, beladen mit Butter und Eier, in Richtung Siegburg Markt.

Der alte Lückerath von hier machte den Weg nach Siegburg zur Rolfs-Fabrik täglich hin und zurück zu Fuß.

Vor gut 150 Jahren war das Analphabetentum noch viel verbreitet. Versuche die Schulpflicht einzuführen, wurde vom Adel unterdrückt. Diesem lag daran, seine Untertanen unwissend und gefügig zu halten.

Der sich allmählich anbahnende kulturelle Aufstieg, verdankten die Menschen einzelner Geistlicher. Aber hier waren Grenzen gesetzt, da nur wenige Patres die Weihe hatten und als Laien eingesetzt waren. Erstmals im 15. Jahrhundert wurde in Happerschoß Schulunterricht erteilt und zwar von einem Offermann.

Als in der Reformationszeit die Sitten an Halt verloren, wirkte sich das verheerend aus. Die neue Lehre brachte viele "Abtrünnige". Alle Aufzeichnungen zeugen von "VERFALL, EHBRUCH, ON OFFENTLICH HOREI, LASTER UN ERGERLICH LEVEN . . . " Aus und nach jenen unglücksvollen Jahren stammen viele Kreuze und Heiligenhäuschen, die teils heute noch an stillen Winkeln und Wegen stehen, die ihren Ursprung einem Versprechen, Gelübde, Unglücks- oder Todesfall verdanken.

Wenn Order, Erlasse oder Nachrichten zugestellt wurden, geschah das örtlich durch Boten und Ausrufer. Handelte es sich um weitere Entfernungen, wurden diese durch Reiter an die Bestimmungsorte gebracht. In Herbergen wurde Zwischenstation gemacht.

Die Postkutsche wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts bekannt. Der Brief und Paketverkehr war damals noch wenig ausgeprägt, daher waren es meist Personen, die die Kutsche benutzten.

Die schlechten Wegeverhältnisse machten dem Kutscher (einst Schwager genannt) bei seinen Fahrten viele Sorgen. Nicht selten wurde die Kutsche von Wegelagern angefallen und allen Werten und Habseligkeiten beraubt.

Als 1807 der planmäßige Postverkehr zwischen Düsseldorf und Weyerbusch ein- geführt wurde, sprach man vom großen Fortschritt.

Ein Ereignis brachte das Jahr 1858, als man die Deutz-Gießener Eisenbahnstrecke eröffnete und damit den Postverkehr verband.

Einzelne Postagenturen im Siegkreis wurden erst 1863 errichtet.

Der Großteil der hiesigen Wälder gehörte der einstigen Zwingburg Herrenstein. Da der Großteil der Hausstände über keinen eigenen Holzbestand verfügte, war man mehr oder weniger aufs Holzsammeln angewiesen. Da der Graf das dürre Holz als Dung für Bäume lieber verfaulen ließ, als es der Bevölkerung zu über- lassen, konnte er sich nur schwer für die Sammeltage entscheiden.

War es Wunder, wenn sich die Ärmsten zu Holzdiebstählen hinreißen ließen? Man tat sich zusammen und ging meist abends los. Man fällte einen schulter- gerechten Baum und trug ihn nach Hause.

Dieser Brandverknappung trug man schon beim Häuserbau dadurch Rechnung, dass man die Stubenhöhe auf 1, 70 - 1, 80 Meter bemaß, was sich, trotz bückender Körperhaltung, an Brandersparnisse auszahlte. So war das einst!

Auf dem Förstersitz Schreckensberg befehligte um die Jahrhundertwende der Oberförster Langkheld. Traf er einen Holzfrevler an, donnerte seine Bärenstimme durch den Wald, dass der Betreffende in die Erde zu versinken wähnte. Soweit er keinen Schaden feststellte, verwies er ihn des Waldes und ließ es dabei bewenden. Darüber hinaus machte ihm auch das Wildern im Revier viele Sorgen. Das Schlingenstellen (Ströppen) war ihm zur Plage geworden. Freilich waren es hier wie überall nur eine Handvoll "Geliebter", die dem schnöden "Handwerk" nachgingen. Damals war der Wildbestand sehr hoch, deshalb hatten es die Wilderer nicht schwer, zu ihrem Braten zu kommen.

Ich entsinne mich, dass auf einer Treibjagd 20 - 25 Rehe, ebenso viele Kaninchen, Hasen und Geflügel erlegt wurden. Dazu kamen auch noch 4 - 5 Keiler und Bachen, Bedauernswert waren die Bauern; denn mit den Wildschäden war es damals sehr weit her.

Als der Oberförster gelegentlich mit seinem Unterjäger durch Bröl kam, soll er zu diesem gesagt haben: "Dieses Dorf ist mir ein Gräuel! Aus jedem Fenster schaut ein Spitzbub heraus!"

Da, wo sich vom Bödingerweg der zum Hau-Rennenberg abzweigt, führt ein Pfad, zunächst stark ansteigend, über den Höhenrücken zum Bachenhohn, der früher mit "Jappstock" oder auch "Losshüüschen" bezeichnet wurde.

Von dieser Höhe hat man eine wundervolle Aussicht ins Bröltal. 1910 baute ein Privatmann aus Köln auf diesem Plateau zwei schöne Sommerlauben, davon war eine mit einem Betonboden versehen, der als Tanzboden diente. Des Weiteren luden Spazierwege und Ruhebänke zum Verweilen ein. Diese Anlage war ehedem - so primitiv es erscheinen mag - die Sensation der Dörfer Bröl, Driesch, Bödingen und Altenbödingen. Hier traf sich die gesamte Jugend, hier belustigte sie sich, gab sich ein Stelldichein und drehte ein Tänzlein nach Herzenslust.

Zum Tanze spielt der "Quetschbüggel", oder ein Grammophon, zur Not die Mundharmonika auf.

Wenn sich sommers die Dämmerung ankündigte, kam "Ohm Willem" mit seiner Trompete und blies den Zapfenstreich, oder auch die Post im Walde.

Mancher hielt den Atem an und lauschte den Tönen, die bei der abendlichen Stille ins Tal hinunterdrangen. Es war eine stille, aber schöne Zeit.

Gerne erinnert man sich noch an die Maibälle von einst, wo sich noch Jung und Alt in gemeinschaftlicher Harmonie im Tanze drehte.

Außen wie innen war der Saal mit frischem Maiengrün geschmückt, was dem Feste einen natürlichen Glanz verlieh.

Schon vor Beginn der Feier kamen die Landauer, die Gigs und Kutschen angefahren. Während die Herrschaften zum Saale zu den reservierten Tischen geführt wurden, versorgten Kutscher und Knechte die Pferde.

Wenn zur Eröffnung die Musik von der Galerie den Frühlingswalzer intonierte sah man fast nur leere Bänke. Schon trug der Kellner die ersten Maibowlen an die Tische. Andere bevorzugten die köstlichen Siegweine.

So wuchs die Stimmung von Stunde zu Stunde. Tanz auf Tanz folgte: der Rheinländer, der Schottisch, die Polka - Mazurka und zur vorgerückten Stunde der Krönungstanz: die Quadrille.

Wer am anderen Morgen den Wald von leeren Weinflaschen auf den Tischen sah, wusste, das war Maifest in Bröl.

Auf diesen und ähnlichen Festen kam es leider oft zu handfesten Schlägereien. Die Eifersüchteleien unter den jungen Bewerbern begannen meistens schon bei den ersten Tänzen. Kam es zur Damenwahl und die Umworbene wählte ihren Tanzpartner, begann es bei den Rivalen zu gären. Die gekränkte Eitelkeit suchte zunächst-an der Theke den Groll abzureagieren.

Es war üblich, dass der Tänzer seine Partnerin am Schlusse nach Hause führte, was jedoch eine gegenseitige Zuneigung voraussetzte.

Inzwischen hatten sich die Rivalen an der Theke so erhitzt, dass sie geradezu darauf warteten, ihren Groll abzukühlen. Dass das Mädchen bei solcher Gelegenheit in eine peinliche Situation verwickelt wurde, bedarf wohl keiner Erörterung. Um die Wirrköpfe zu beschwichtigen, trat das Mädchen ohne "Begleitung", so wie sie gekommen, mit ihren Eltern den Heimweg an.

Es war keine Seltenheit, dass sich am nächstfolgenden Sonntag die Bewerber im Elternhause wiedertrafen. Jeder versuchte auf seiner Art die Sympathie des Mädchens zu gewinnen.

In die Brautwerbung war auch die Mutter einbezogen, war sie es doch, die zur Brotzeit die hungrigen Mägen stopfen musste, schon des "guten Rufes" wegen. Der Ausgang der Freierei begann da, wo sie beim Tanze aufhörte: es gab eine sinnlose Keilerei.

Abschließend möchte ich einen schönen Maibrauch folgen lassen, der vorwiegend auf den Rheinischen Dörfern bekannt ist: die Versteigerung der "Mailehen". Leider hat die neuere Zeit der schönen Sache die Würze genommen, bis sie schließlich geschmacklos liegenblieb.

Um diesen Brauch der Nachwelt zu erhalten, schreibe ich ihn nieder, wie ich ihn aus meiner Jugendzeit in Erinnerung habe.

Schon bei den Germanen wurde der Mai (benannt nach der Göttin Maja) als Symbol der wiedererwachenden Natur gefeiert. Die mannigfaltigsten Bräuche hatten schon bei den Germanen festen Bestand, von denen einige sich bis heute erhalten haben. Im Altdeutschen wurde der Wonnemond durch abbrennen von Feuern auf den Bergen begrüßt und mit Freudentänzen umrahmt.

In der vorherigen Nacht (Walpurgisnacht), so berichtet die Sage, sollen die Hexen auf Besenstielen zum Brocken geritten sein und der Göttin Maja den Freudenreigen getanzt haben.

Überall in der Welt wurde der 1. Mai seit eh und je gefeiert. Im Jahre 1889 wurde er zum Weltfeiertag erhoben.

Und nun zur Mailehen-Versteigerung.

Am Abend des letzten Tages im April versammelten sich alle Junggesellen des Dorfes, ob alt, ob jung, in der Dorfkneipe zur Mailehen-Versteigerung. Nach- dem der Vorstand gewählt war, wurde ein "Auxionator" bestimmt, der beim Ansteigern der Maiden den Zuschlag zu erteilen hatte.

Auf einer Liste hatte man alle Maiden des Dorfes namentlich aufgeführt, die nunmehr zur Ansteigerung angeboten wurden.

Die Hemmungen, die bei einigen noch Vorhand hatten, löste der Alkohol. Der Meistbietende erhielt den Zuschlag, das Höchstgebot ergab das Königspaar. Nun war es so, dass sich für einige Jungfern kein Ansteigerer fand, das sogenannte "Rötzchen" (Rest). Diese wurden zum Schluss insgesamt zur Versteigerung angeboten. Fand sich ein Ansteigerer, musste er sich verpflichten, innerhalb des Maimonds jeder Jungfer einen Besuch abzustatten. Fand sich kein Ansteigerer, wurden sie zum Maifest eingeladen und vom Vorstand persönlich abgeholt.

Aus den restlichen Junggesellen wurden zwei "Polizisten" gewählt, die für die Maiordnung verantwortlich zeichneten. Die Übrigen hatten eine Durchschnittssumme der Ansteigerer an die Maikasse zu entrichten.

Es gab Ansteigerer die einen Wochenlohn zu entrichten hatten. Im Anschluss an die Versteigerung wurden die Paragraphen festgelegt.

Diese lauteten folgendermaßen:

$ 1.           Jeder Ansteigerer hat seiner Maibraut in der Nacht zum 1. Mai einen Birkenbaum an ihr Fenster zu setzen. Dasselbe gilt für den Ansteigerer des "Rötzchens". In jedem Falle haben die zwei "Polizisten", sowie die freien Junggesellen bei den Arbeiten behilflich zu sein.

$ 2.           Jeder Ansteigerer hat die Pflicht seiner Maibraut am 1. Mai einen Rosenstrauß zu überreichen.

$ 3.           Jede Woche, dienstags und freitags, ist die Maibraut von 20 - 22 Uhr zu besuchen (Kommabend).

$ 4.           Die festgelegten Besuchszeiten werden von den "Polizisten" überwacht und bei jeder Unter- bzw. Überschreitung pro Minute mit 20 Pfennig Strafe belegt.

$ 5.           Alle Gelder fließen der Maienkasse zu.

$ 6.           An den beiden Besuchstagen ist ein Kragenknopf im Knopfloch zu tragen.

$ 7.           An allen Tagen - außer dienstags, freitags und sonntags - ist es verboten mit der Braut zu sprechen, es sei denn, es trennt sie eine Mauer, eine Hecke, Zaun oder dergleichen.

$ 8.           An allen Sonntagen ist eine Blume im Knopfloch zu tragen.

$ 9.           An den beiden Freierstagen ist das Maikönigspaar durch erheben der rechten Hand zu grüßen.

$ 10.       Sollte ein Ansteigerer die Braut eines nicht anwesenden Bräutigams gekauft haben, ist ihm gestattet, jenem sie wieder zu veräußern. Ein evtl. Mehrerlös fällt der Kasse zu.

$ 11.       Alle Junggesellen haben an allen Arbeiten des Maiklubs teilzunehmen.

$ 12.       Alle übertretene Gebote und Verbote werden satzungsgemäß mit 20 Pfennig bestraft.

Die Versteigerung, die sich meist bis in die Nacht hinzog, hatte nunmehr den Höhepunkt erreicht. Nun ging es, bewaffnet mit Schaps und Beilen in den Wald, um die Maibäume zu schlagen.

Das ging freilich nicht immer lückenlos zu. Jeder Ansteigerer war bemüht, den schönsten und längsten Birkenbaum zu schlagen.

Wenn nun der Wettergott die Aktion mit Regen beschickte, der Wald sich stock- finster zeigte, die Laterne die einzige Orientierung war, oder das Grün der Birken zu wünschen übrigließ, stand die Braut zuweilen hoch im Kurs! Meist tat man sich mit 2 - 3 Mann zusammen, wo jeder mit seiner Last schweißgebadet am Hause der Maibraut eintraf, um dann gemeinsam eines jeden Mai- baum aufzurichten.

Sollte sich unter den Dorfmaiden eine "Niete" befinden, das heißt, eine, die die Nase zu hoch trug, oder gar das "leichtere Leben" führte, brauchte sie sich nicht zu wundern, wenn sie morgens vor ihrem Fenster einen Kirschbaum vorfand. Der Sinn: dessen Früchte boten sich jedem zum Naschen an. Schlug eine Maid den Freier aus, musste sie damit rechnen, dass sie tags darauf eine Menge Heckelspreu (Kaaf) vor ihrem Haus fand, was Verachtung und Ausschluss aus dem Klub bedeutete.

 Der Pfingstsamstag brachte den Junggesellen einen Höhepunkt im Maigeschehen. Am Nachmittag versammelte sich der Klub zum eigentlichen Maibaumfällen. Einer stellte das Fuhrwerk kostenlos zur Verfügung, dann ging es mit Gesang und Trara in den Wald. Große Beachtung wurde .auf geraden Wuchs und Länge des Baumes gelegt. Ich erinnere mich an Längen bis zu 30 Meter.

Im Dorfe angekommen, wurde ein Loch gegraben, worauf mit "Hau Ruck" der Baum aufgestellt wurde.

Bei Dunkelheit traf man sich wieder gemeinsam zum Eiersammeln. Bewaffnet mit einem Korb, zog man singend mit Quetschbüggelbegleitung von Haus zu Haus um die Pfingsteier einzuholen.

Wenn dann das Lied vom " Feuer-Rose -Blümelein" durch den abendlichen Himmel drang, gab die Hausfrau gut und gern einige Eier, Getränke oder Geld.

Kam man in einen Bauernhof sang man:

Komme och en dössen Hoff
Feuer-Rose-Blümelein
die Eier zo empfange
Feuer-Rose-Blümelein
Wacker iss dat Mägdelein!

Bei allen übrigen Haushalten sang man als Anfangsvers:

He komme de Jongs gegange
Feuer-Rose-Blümelein
die Eier zo empfange
Feuer-Rose-Blümelein
wacker iss dat Mägdelein!

Lott uus doch net länger stoon
Feuer-Rose-Blümelein
 mer mösse noch no de Fröhmess gohn
Feuer-Rose-Blümelein

Ech hüre och jet tuppe
Feuer-Rose-Blümelein
die Ahl die kütt op Schluffe
Feuer-Rose-Blümelein

Gett uus doch e Pingsei
Feuer-Rose-Blümelein
Zwanzig senn noch besser wie zwei
Feuer-Rose-Blümelein

Wenn ühr ooch keen Eier hat
Feuer-Rose-Blümelein
dann grief ess en de geldsack
Feuer-Rose-Blümelein

Dat Huus dat steht op Penne
Feuer-Rose-Blümelein
do wohne Riche drennen
Feuer-Rose-Blümelein

Gett uus och en Blootwuesch
Feuer-Rose-Blümelein
stillt den Honger, lösch den Duesch
Feuer-Rose-Blümelein

Mer doon uus och bedanke
Feuer-Rose-Blümelein
mer gohn ne üwer de Schranke
Feuer-Rose-Blümelein

Wurde man nach all den Mühen abgewiesen, so sang man:

Dat (Griet) dat hätt a paar schwazze Been
Feuer-Rose-Blümelein
die blänke wie en Kafonkelsteen
Feuer-Rose-Blümelein

Meist war es Mitternacht, ehe der letzte "Kunde" besungen war. Nun kehrte man zur Dorfkneipe zurück, um die trockenen Kehlen zu nässen.

Inzwischen hatte die Wirtin ein Teil Eier gekocht, die gemeinsam verzehrt wurden. Die Burschen, die die rohen Eier zum Austrinken liebten, reihten die leeren Eier auf eine Kordel und hingen den Eierkranz in den Maibaum.

Die Abschluss-und Hauptfeier fand zwischen Anfang und Mitte Juni statt, je nachdem Pfingsten fiel. Zwecks Aufstockung der Kasse wurde der Maibaum vor der Schlussfeier verlost und zum Gewinner "Frei Haus" gefahren (nach altem Brauch war diese Arbeit mit einem Liter Schnaps verbunden).

Die restlichen Eier waren vorhin an die Maibräute aufgeteilt worden, die unter sich einen Wettbewerb im Kuchenbacken veranstalteten, und ihre "Erzeugnisse" auf der Schlussfeier zu Schau stellten.

Nach dem Verzehr von Kaffee und Kuchen begann der gemütliche Teil, der Tanz. Ein Fass Bier wurde angeschlagen. Die Maibräute bekamen eine Bowle mit Wald- meister serviert. In froher Stimmung wurde getanzt bis in die Nacht hinein. Mitten aus dem Freudentaumel gerissen, spielte die Musik den Kehraus, das Ende vom Ende. Nun hatte jeder die Aufgabe seine Maibraut nach Hause zu führen, womit ein schöner Brauch für ein Jahr sein Ende fand.

War damit wirklich alles aus? Ich sage nein! Hier und da hatten sich zarte Bande geflochten, die schließlich zum Hafen der Ehe führten.

Die Bürgertaufe, ein Brauch, der seit Generationen hier heimisch war, hat nicht nur manchen Spaß ausgelöst, sondern auch nette Freundschaften geschlossen.

Es war nämlich so, dass alle neuhinzugezogene Bürger, am Walbach mit einem Tusch Wasser zum "echten Bröler Bürger" getauft wurden. Dieser Ritus vollzog sich meist bei Festen, wo selbstverständlich die Weinlaune das Nötige hinzu tat.

Ein Nachklang dieses Brauches wurde in neuerer Zeit am Dorfbrunnen vollzogen.

Wer sich ein Fahrrad (sprich Veloziped) leisten konnte, der zählte zu den besseren Bürgern. Um dasselbe benutzen zu dürfen, musste man im Besitz einer Radfahrkarte sein.

Die Polizeiverordnung besagte unter anderem:

1.       Die Nummer des Fahrrades muß mit der der Fahrradkarte übereinstimmen. Sie ist stets mitzuführen und auf Verlangen vorzuzeigen.

2.       Auf Halteruf eines Polizeibeamten ist der Radfahrer verpflichtet, sofort anzuhalten und abzusteigen.

3.       Die Karte ist nicht übertragbar.

4.       Übertretungen dieser Verordnung werden mit Geldstrafen bis zu 60 Mark (sechzig Mark), im Unvermögensfalle mit entsprechender Haft bestraft.

Im Vergleich zu den damaligen Löhnen war die Strafverordnung sehr hart.

Die erdrückende Übermacht des Feindes stürzte Deutschland Ende des ersten Weltkrieges (1914 - 18) an den Rand des totalen Zusammenbruches.

Als das Heer am 9. ll. 1918 kapitulierte, der Kaiser nach Holland floh, glaubte man aufs Erste aufatmen zu können. Aber es kam anders.

Nun folgte der Rückzug der Truppen von der Westfront. Marschkolonnen folgten auf Marschkolonnen, Panzerwagen auf Haubitzen, Mörser auf Kanonentrakts. Tage und Nächte waren erfüllt vom Lärmen, Einquartierungen, Kommandos und - Fluchen. Überall verstreut lagen Gewehre, Munition, Granaten und sonstigen Ballast, wovon sich die Soldaten entledigt hatten.

Kinder griffen zu den Karabinern und schossen blindlings in die Gegend. Unglücks- und Todesfälle waren die Folge. Auf dem Fuß der Truppen folgten die Besetzer: Engländer, Kanadier, Franzosen und Marokkaner. Diesseits des Brölbaches lag die besetzte Zone, jenseits die neutrale. Jeder musste seinen Personalausweis mit sich führen, wer ihn vergaß, musste mit zur Wache, er galt als Spion.

Dann begann der Schmuggel zwischen beiden Zonen. Schranken und Kontrollen überall, Patrouillen stöberten den Brölbach ab. Gewehrsalven peitschten durch die Nacht. Ausgangssperre und Schikanen überall.

Dann folgte die Inflation (1919 - 23). Die Folge: Arbeitslosigkeit, steigende Preise, Erwerbslosengeld, Notstandsarbeiten, Armut. Der Verdienst von heute hatte über Nacht noch halben Wert. Städte begannen mit Druck von Notgeld- scheinen und Prägen von Münzen, für dessen Haftung die Entwertung bürgte.

So ging das fort. Auf Hunderte folgten Tausende, auf Millionen Milliarden, als das nicht mehr reichte kamen die Billionen. 1923 kostete eine Illustrierte schon fünf Millionen. Der Tanz kostete RM 150, --_ Die Damenwahl das Doppelte. Blei einem hiesigen Verein betrugen die gesamten Kirmeseinnahmen 295 Millionen Reingewinn. Und doch konnte man sich paar Tage später kaum ein Paar Tagesschuhe hierfür kaufen.

In dieser Zeit des wirtschaftlichen Chaos hatte sich eine, von der Pfalz ausgehende Separatistenbewegung gebildet, die sich aus lichtscheuen Elementen und verkrachten Existenzen zusammensetzte. Mit stillschweigender Billigung und Unterstützung der französischen Besatzungsmacht, war es deren Bestreben, das Rheinland vom Staatsverband zu lösen.

In Honnef am Rhein schien die Horde ihr Generalquartier aufgeschlagen zu haben; denn von hier aus begannen sie den Terror.

Als Selbstschutz wurde sofort eine Bürgerwehr ins Leben gerufen, die mit Knüppeln, Mistgabeln, Säbeln, Gewehren und Pistolen bewaffnet, die Heimat zu verteidigen suchten. Obwohl die Besatzungsmacht den Besitz von Schusswaffen und Munition bei schwerer Strafe verboten hatte, kamen eine Menge Waffen zutage, die unter Heu und Stroh versteckt lagen.

Die Lage wurde immer bedrohlicher. Es kam zu Schießereien auf beiden Seiten. Am 11. November läuteten die Glocken Sturm. Alle Dörfer waren alarmiert, um den bedrängten Bauern zur Hilfe zu kommen. Aegidienberg und Oberpleis glichen einer Festung. Als sich die Separatisten einer bewaffneten Übermacht gegenübersahen, zogen sie sich zurück und verschwanden fast spurlos. Dafür rückten nunmehr die Franzosen und Marokkaner an, um nach Waffen und toten Separatisten zu suchen, aber vergebens. Die Bevölkerung schwieg sich aus. Leider hatte sie 2 Tote zu beklagen. Jedoch die Gegenseite ließen 14 Mann auf der Strecke. Für sie hatte man auf dem Aegidienberger Friedhof nachts heimlich ein Massengrab gegraben und sie hierin beerdigt.

Erst im Februar 1926 wurde unsere Heimat von der Besatzungsmacht erlöst.

22 Jahre später (1945) standen wir wiedermal vor einer bedingungslosen Kapitulation. Außer den Gebietsverlusten im Osten unseres Landes, wurden uns vier Hungerjahre -zudiktiert, die schließlich auf drei gemildert wurden.

Die Kaufkraft der Reichsmarkt versank wieder ins Unermessliche. Der Hunger war täglich Gast beim Normalverbraucher.

Man bezahlte für ein Ei RM 7, --, ein Pfund Butter kostete RM 350, --, eine amerikanische Zigarette RM 7, --. Dazu kam das Maisbrot. Außer den Lebens- und Gebrauchsmittel, die laut Karte und nach Aufruf ausgegeben wurden, war nichts zu kaufen, es sei denn, man hatte etwas gegen zu tauschen. Man nannte das kompensieren.

Im Juni 1948 kam die Geldaufwertung. Jeder Deutsche Bundesbürger bekam zu Beginn der neuen DM-Währung 40, -- ausgehändigt. Damit begannen der Aufbau und die Normalisierung des Landes.

Der Herbst 1947 brachte ein außergewöhnliches Bucheckernjahr. Als die Buchen ihre Häupter schüttelten, lag der Boden voller Eckern. Die Not trieb die Menschen in Scharen in den Wald die Kerne zu sammeln, die gepresst ein vorzügliches Speiseöl lieferten. Bei einer dieser Sammlungen auf dem Rennenberg erschien plötzlich der Graf. Schon erscholl seine Donnerstimme: "Raus aus dem Wald!" Er sprang vom Pferd, trat den Frauen ihre Gefäße mit den mühsam gesammelten Bucheckern um und zertrampelte sie. Ähnlich hatte er es mit jenen Frauen gemacht, die er beim Pilz- und Himbeerensammeln antraf. Den Frauen wurde angst. Die schreienden Kinder hatten einige Männer, die in der Nähe sammelten, herbeigerufen. Als sie sahen was geschehen, packten sie den Graf und verprügelten ihn. Seine Wehrlosigkeit war den Männern bekannt, da die Militärregierung alle Waffen eingezogen hatte. Mühsam konnte sich der Graf auf sein Pferd retten und schnellstens das Feld räumen. Lange wurden die Täter gesucht, aber niemand hat sie verraten.

Diese Männer trafen sich abends mit ihren Frauen zu einer Geburtstagsfeier. Es war beabsichtigt, einen Teil des Öls gegen Schnaps einzutauschen. Da ihnen der Graf die Freude verdorben hatte, mussten sie sich des "Schwarzen Marktes" bedienen, weil man den Schnaps im Handel nicht erwerben konnte. So ging man zum Jupp (mit Spitznamen Pröff" genannt), der den Schnaps selbst brannte. Der bessere Korn wurde aus Gerste und Roggen gebrannt, der schlechtere aus Zuckerrüben. Ersteres Erzeugnis war für Bauern und Bessergestellte bestimmt, letzteres Erzeugnis war das billigere und wurde unter dem Namen "Knollibrandi" gehandelt.

Anschließend möchte ich noch ein selbsterlebtes Anekdötchen zum Besten geben, welches damals den Stempel des Makels auf uns drückte, ohne dass wir uns recht- fertigen konnten.

Im oberen Heckelsberg waren meine Frau und ich dabei Kartoffel zu roden, es war unser "Schwarzbestand". Kurz vor Schluss ging ich zur oberen "Walberich", um zu sehen, ob die Brombeeren reif seien. Als ich feststellte, dass alle abgeerntet waren, wollte ich umkehren, stand aber plötzlich vor einem Reh, das in der Schlinge umgekommen war. "Was tun, sprach Zeus". Eines stand fest: diesen Braten konnte ich mir nicht entgehen lassen, egal wer die Schlinge gelegt hatte. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass die "Luft rein" war, nahm ich das Reh, schleppte es ein Stück fort, verscharrte es an einem Baum und ging zu meiner Frau zurück. Nach kurzer Beratung stand fest: diese "Sonderzuteilung" sollte abends nach Hause geholt werden.

Als die Dämmerung hereinbrach, zogen wir mit Sack und Messer los. Wie wir an die Stelle kamen, wo der "Goldschatz" lag, trat ich zur Sicherheit nochmals auf die Böschung, um mich zu vergewissern, ob die Luft rein war. Im Begriff zur Tat überzugehen, sah ich in 100 m Entfernung eine Gestalt, die sich silhouettenhaft am Abendhimmel abhob. Kaum hatte ich meiner Frau die Mitteilung gemacht, kam dieses "Gespenst" in wilden Sprüngen auf uns zu gerannt, blieb staunend vor uns stehen und sagte: "Ihr seid das? Das hätte ich nicht gedacht!" Dann ging es davon. Wer dieses Gespenst war? Ein Bröler Polizist. Wir waren erstaunt und wussten nicht wie uns geschah. Dann fiel uns ein, dass man paar Tage zuvor einem Bauer Kartoffel gestohlen hatte. Sollten wir etwa hier im Verdacht stehen! Ja, nur so konnte es sein; denn von unserem Vorhaben konnte keiner etwas wissen. Es war eine fatale Situation. Zunächst gingen wir zum Walbrichweg zurück, trafen dort wieder auf den Polizist und zwei Bröler Bauern, die Feldwache hatten. Aus deren Geflüster fanden wir unsere Ahnung bestätigt. Wir waren die "Kartoffeldiebe".

Das schlug dem Fass den Boden aus! Wie sollten wir uns rechtfertigen? Eine Klarstellung hätte uns vom Regen in die Traufe gebracht. Wir mussten schweigen und die Drei zogen befriedigt ab mit der Gewissheit, den Dieb gestellt zu haben. Als wir allein waren, überkam es mich, ich sagte zu meiner Frau, die noch immer sprachlos war: "Das Reh geht mit und wenn mich der Teufel holt". Also ging ich wieder auf die Stelle zu, wo das Reh lag, während meine Frau zögernd folgte. Nachdem ich das Reh freigelegt, Eingeweide, Läufe und Kopf entfernt hatte, packte ich es in ein Wachstuch, steckte es in den Sack und zog mit der Beute heim.

Während ich mit dem Enthäuten begann, bereitete meine Frau die Einkochgläser vor. Am frühen Morgen war unsere Arbeit getan. Zur gleichen Zeit ging auch das erste Getuschel durch den Ort: der Kartoffeldieb ist gefasst! Meine Frau wagte sich tagelang nicht auf die Straße. Indessen hielt ich Ausschau nach Zeugen; denn wenn es wirklich anders gewesen wäre, es hatte uns keiner auf frischer Tat erwischt. Alles schwieg sich aus. So schlief die Angelegenheit schließlich eın.

Wir aber denken heute noch an die herrliche "Sonderzuteilung" und die Zeit zurück, wo das Wort "Fleisch" ein Fremdwort war.

Ich schalte nochmals kurz zur Jahrhundertwende zurück und lasse einige mystischen Begebenheiten folgen, die keiner Fabel entsprungen, umso mehr zum Nachdenken Anlass geben.

Wenn nachts die Eule auf dem Dach des Hauses schrie, oder der Hofhund jammervoll heulte, glaubte man, dass bald ein Toter über die Schwelle des Hauses getragen würde.

Damals lebte die Witwe Becher, eine Greisin in den achtziger Jahren, gottesfürchtig, von geheimnisvollen "Kräften" besessen, zu der man in Nöten Zuflucht nahm.

Die alte Bechers betrat dann das "Unglückshaus", zündete drei Kerzen an, nahm ein Bündel geweihten Krautes (gemeint ist das Kraut im Volksmund "Krokwösch" genannt, das am Krautweihtag gesegnet wurde), legte es auf eine Schale, zündete es an und trug es unter Murmeln eines Gebetes durchs Haus. Hierdurch wurden die bösen Geister verscheucht und den Gläubigen die Angst und Sorge genommen.

In Krebsens Haus hatte sich der kleine Hein mit kochendem Wasser schwer verbrüht. Das Kind schrie zum Gotterbarmen. Da man nicht ein noch aus wusste, wurde schließlich Pitter, der Älteste, nach Pinn zum alten Fuhrbach geschickt, der als Brandbüßer ringsum bekannt war. Zur selben Stunde, als dieser zur "Handpostill" griff und seine Bußgebete verrichtete, wurde der kleine Hein still und schlief ein.

Beide Hände der jungen Frau Traut waren zu ihrem Kummer mit Warzen bedeckt. Da alle erdenklichen Mittel nichts halfen, wandte sie sich an die Schröbers Groß, der man nachsagte, dass sie wundertätige Kraft besäße.

Als anderen Morgens eine ältere Frau in Happerschoß beerdigt wurde, gab sie der Traut den Rat: "Wenn die Totenglocke in Happerschoß läutet, gehst du an den Bach und wäschst deine Hände. Hierzu muß du die Worte sprechen: "Löggen se dem Dude en et Grav, Wäsche ech mir de Warze aff". Danach sollte sie drei Vaterunser für die Seelenruhe der Verstorbenen beten.

Also tat die Frau wie die Groß geheißen. Und siehe da: nach dem dritten Tag begannen die Warzen zu welken, färbten sich schwarz und fielen schließlich ab.

Bröl verfügt über ein reiches Wasservorkommen. Die Quellen spenden so reich- lich Wasser, dass der Ort im trockensten Sommer keine Wasserknappheit gekannt hat. Meist sprudeln die Quellen ihr kristallenes Nass an die Oberfläche, so dass der Bau kostspieliger Brunnen nicht vonnöten ist. Trotzdem: das Wasser musste ehedem für Mensch und Vieh geschleppt werden, was einige Männer zu Überlegungen brachte, eine Wasserleitung zu bauen.

Von diesem Vorhaben geleitet, versammelte man sich im alten Wirtslokal Wilhelm Jonas, eine alte Kneipe, die im dörflichen Geschehen eine Rolle spielte, um über die Gründung eines Wasserleitungsvereins bzw. Bau einer solchen zu beraten. Jedoch traten in finanzieller Hinsicht immer wieder Schwierigkeiten auf, deren man nicht Herr werden konnte. Immer wieder stand dieses Thema zur Debatte.

Inzwischen hatte Jonas neben seinem Hause einen Bruchstein-Neubau errichtet, worin er sein Lokal (1895) verlegte. Auch hier rissen die Debatten nicht ab, die oft sehr heftig wurden. Endlich, im Jahre 1899 konnte man die Bröler zur Gründungsversammlung ein- laden, auf der folgendes Protokoll festgelegt wurde:

Bröl, den 8. 11. 1899

Unter dem vorgegebenen Datum vereinigen sich die nachgenannten Bewohner des Dorfes Bröl, in der Bürgermeisterei Lauthausen zu einer Gesellschaft, behufs Anlage einer Wasserleitung für das Dorf Bröl. Die Gesellschaft trägt den Namen" "Bröler Wasserleitungsgesellschaft“_ Sie ist auf eine gewisse Zeit nicht beschränkt und soll eine einfache, private Gesellschaft sein, ohne gerichtliche oder polizeiliche Aufsicht. Zweck der Gesellschaft ist, die Versorgung des Dorfes Bröl mit gutem Quellwasser zum häuslichen und landwirtschaftlichen Gebrauch. Eine chemische Untersuchung des zu benutzenden Wassers durch den Herrn Apotheker Anselmino in Hennef, bezeichnete es als reines, gutes (!) Trinkwasser.

Auf einer Versammlung der allgemein Beteiligten am 18. 11. 1899 wurde eine Kommission aus 5 Mitgliedern der Gesellschaft durch Stimmzettel gewählt, welche folgende Statuten angesetzt und für den Bau der ganzen Wasserleitungs- anlagen unter Verbürgung sämtlicher Gesellschafter zu sorgen haben. Die gewählte Kommission besteht aus den Gesellschaftern:

Wilh. Jonas/ Joh. Junkersfeld/ Wilh. Wirtz/Wilh. Weihs/ Peter Friesenhagen/ welche unter sich zum Vorsitzenden: `Wilh. Jonas, zum Schriftführer: Peter Friesenhagen, zum Kassierer: Joh. Junkersfeld, wählten.

Die Begründer waren: Wilh. Jonas/ Joh. Junkersfeld/ Wilh. Wirtz/ Wilh. Weihs/ Peter Friesenhagen/ Joh. Kramer/ Mathias Halm/ Math. Irlenborn/ Joh. Steimel/ Wilh. Felder/ Wilh. Felder F.W./ Wilh. Junkersfeld/ Peter Breuer/ Wilh. Vogel/ Peter Krämer II/ Wilh. Richartz/ Josef Post/ Peter Kramer/ Joh. Schönenberg/ Peter Klein/ Joh. Pütz/ Wilh. Engels/ Franz Holenfelder/ Heinr. Schneider/ Josef Eich/ Joh. Felder/ Heinr. Stein/ Karl Schlösser/ Wilh. Müller/ Peter Müller/ Joh. Pütz/ Josef Müller/ Wilh. Schmitz/ Heinr. Bruder/ Franz Felder/ Wilh. Pütz/ Heinr. Patt/ Heinr. Schmitz/ Heinr. Neef/ Joh. Krämer/ Anton Junkersfeld/ Heinr. Schwellenbach/ Heinr. Zimmermann/ Johann Schmitz/ Heinr. Wiedenhöfer/ Jos. Gies/ Peter Jos. Becker/ Heinr. Lückerath/ Joh. Müller II/ Wtw. Peter Irlenborn/ Frau Jos. Müller/ Peter Rossenbach.

Die Verlegung der Leitung wurde in Eigenleistung hergestellt. Für das Grabenausheben wurden folgende Sätze festgesetzt: Je nach Bodenbeschaffenheit: Graben 90 cm tief, 0, 28 - 0, 34 - 0, 49 - 0, 50 Pfennig. Im Tagelohn wurde pro Tag 3, 00 Mark gezahlt.

Ferner wurden für jeden Anschluss 50, 00 Mark als feste Taxe festgesetzt. Alle weiteren Kosten wurden den Beteiligten nach Maßgabe der zu zahlenden Grund- und Gebäudesteuern verteilt.

Die gesamte Summe soll unter Verbürgung aller Gesellschafter bei der Happerschoßer Spar- und Darlehenskasse aufgenommen werden und muß in 10 Jahren in vierteljährlichen Raten, nebst Zinsen und sonstigen Kosten von jedem Gesellschafter bis zum letzten jedes Vierteljahres entrichtet werden. Jede Mahnung wird mit 0, 25 Pfennig sowie Verzugszinsen geahndet. Wer über ein Vierteljahr hinaus im Rückstand ist, wird das Wasser gesperrt.

Die Hauptquelle, die am "Links Kreuz" heute noch in Betrieb ist, wurde zunächst behelfsmäßig, im Jahre 1900, mit Mauerwerk eingefasst.

Auf der Versammlung am 12. September 1906 wurde angeregt, sich dem Verband Rh. Landw. Genossenschaft in Bonn anzuschließen. Auf der Versammlung am 16. September 1906 erfolgte die Eintragung ins Genossenschaftsregister, unter Amtsgerichts-Assistent Lorenz und Generalsekretär Sperling, bei Anwesenheit von 28 Genossen.

Nunmehr wurde Kohlenhandel betrieben, dessen Gewinn in den Reparaturstock floss. Hervorzuheben ist, dass sich der gesamte Vorstand kostenlos zur Verfügung stellte. Diesem Idealismus ist es zu verdanken, dass auf Jahre hinaus alle Genossen das Wasser frei Haus bekamen.

Das trockene Jahr 1959, womit eine große Wasserknappheit verbunden war, ließ den Entschluss reifen, eine zweite Quelle zu erschließen, da der Wasserverbrauch stetig stieg. Immer mehr Badeeinrichtungen und Spühlklosetts kamen hinzu. Zunächst wurde ca. 100 Meter aufwärts vom Walbrichweg eine zweite Quelle erschlossen. So entging Bröl einer Wasserverknappung. Sicherheitshalber wurde 1960 eine dritte Quelle erfasst, und zwar dem "Links Kreuz" schräg gegenüber. Damit war Wasser reichlich vorhanden.

Über 60 Jahre lang lief das reine Quellwasser in die Bröler Haushalte. Die von Zeit zu Zeit vorgenommenen Wasserproben verliefen positiv, das heißt: das Wasser war einwandfrei.

Als im Mai 1958 die Wahnbachtalsperre in Betrieb genommen wurde, schloss sich auch das gesamte Amt Lauthausen (außer Bröl) an die Wasserversorgung an. Infolge dieser Maßnahme kam es zwischen der Genossenschaft und der Gemeinde zu einem Kontra und Re, welches schließlich ab 24. 8. 1959 zu monatlichen Wasserproben führte. Hierbei muß bemerkt werden, dass alle Proben seitens der Genossenschaft bakterienfreiwaren, hingegen die von der Gemeinde entnommenen, stets Coli-Bazillen enthielten.

Da nur zwei Herren der Genossenschaft einen Schlüssel vom Quellschacht besaßen, bat man Gemeindedirektor Moss über die Presse, woher er die Wasserproben entnommen hätte, da er doch kein Schlüssel zum Quellschacht besäße. Im April 1962 kam es dann zwischen der Genossenschaft und Gemeindedirektor Moss auf einer Versammlung zu heftigen Kontraversen. Es wurde argumentiert: "Dat Wasser von denn letzten drei Proben kohm uus dem Walbaach, äffer net uus de Quell!" Dieser Zwischenruf ist "ungeklärt" geblieben.

Von nun ab wurden alle Bröler Haushalte in regelmäßigen Abständen zum 15 minutigen Abkochen des Wassers aufgefordert! Ebenso wurde die Chlorierung des Wassers angeordnet.

Dieser Wasserkrieg wurde solange fortgesetzt, bis sich beide Parteien zusammensetzten und den - für die Genossenschaft aussichtslosen Fall - (?) berieten und besiegelten. So geschehen am 27. 10. 1965.

Folgendes Ergebnis wurde zur Beschlussfassung beider Parteien vorgelegt:

1.       Das Wasserwerk übernimmt ab 1. 1. 1966 die Gemeinde Lauthausen:

a.       das gesamte Arbeitsnetz, einschließlich Quellen und Anlagen,

b.      die der Genossenschaft gehörenden Grundstücke,

c.       c) alle Rechte und Pflichten der gepachteten Grundstücke, auf welchen sich die Quellen befinden,

d.      die Schulden einschließlich Zinsen im Betrag von 15 000, -- DM.

2.       die Gemeinde befreit alle Genossen von einer Anschlussgebühr,

a.       als Entschädigung für das gesamte Vermögen der Genossenschaft erhält diese 20 000, -- DM, die in drei Jahresraten gezahlt werden,

b.      die Gemeinde versorgt Bröl mit dem alten Quellwasser zur ermäßigten Gebühr (Z. Zt. 0, 55 DM),

c.       der Dorfbrunnen soll freies Wasser erhalten.

Der Beschluss der Gemeinde erfolgte am 29. 12. 1965. Auf der Versammlung der Genossenschaft (30. 11. 1967) wurde die Liquidation ausgesprochen und beschlossen.

Die letzte Versammlung der Genossenschaft fand am 26. 1. 1969 statt. Die Restanteile der Mitglieder über 2000, -- DM wurden laut Beschluss an den Heimat- und Verschönerungsverein Bröl, für Strom- und Unterhaltungskosten des Dorfbrunnens gestiftet.

Damit war der Schlussstrich unter ein altes, bürgerliches Unterfangen gezogen. Nunmehr ist die Gemeinde der "Alt-Wasser-Lieferant". Trotzdem flattern alle 4 - 6 Wochen Zettel ins Haus, die besagen:

Zur sorgfältigen Beachtung!

Vom Kreisgesundheitsamt in Siegburg wird es weiterhin für erforderlich gehalten, das Trink- und Brauchwasser aus dem Versorgungsnetz der Wasserversorgungsanlage Bröl vor Gebrauch 15 Minuten lang abzukochen. Ich bitte, Ihre Angehörigen und gegebenenfalls auch Mieter und sonstigen Personen Ihres Hauses entsprechend zu unterrichten.

Der Gemeindedirektor Moss

Das Wasser aber weiter fließt!
Ohne Kochen olme Chlor!
Wer' s jedoch trotzdem genießt,
bleibt gesund wie je zuvor!

Nach Verlegung des neuen Rohrnetzes, floss ab 10. 8. 1972 das Talsperrenwasser in die Haushalte von Bröl. Ich glaube sagen zu dürfen: "Gold gab ich für Eisen".

Der MGV "Eintracht" Bröl dürfte die Quelle sein, aus der Bröl ihr kulturelles Geschehen schöpfte.

Im Jahre 1894 gegründet, ist er der älteste Verein von hier. Schon 1896 stiftete der damalige Besitzer von "Haus Bröl", Herr Reuther, dem Verein eine Fahne. 1921 feierte der Verein mit zweijähriger Verspätung, bedingt durch den ersten Weltkrieg, sein 25. Stiftungsfest. Infolge des zweiten Weltkrieges konnte das Fest des 50-jährigen Bestehens erst 1946 gefeiert werden.

Auf verschiedenen Wettstreiten buchte der Verein erste Preise. Nicht nur Gesang, sondern auch Theaterabende förderten die Dorfgeselligkeit.

Die Jahre eilten. Schon schrieb man das Jahr 1969, wo der MGV Bröl am 3. - 4. -5. Mai sein 75. Stiftungsfest, in Form einer großen Feier begehen konnte.

In den 75 Jahren wären viele Aufzeichnungen erwähnenswert, die die Chronisten aufzeichneten. Ein Bericht habe ich herausgegriffen, der aus dem Jahre 1923 stammt, dem Inflationsjahr. Es ist ein Kassenbericht vorgenannten Jahres.

Kassenbestand am 31. 12. 1923                      10 000 000 629, 53 Mark

Monatsbeiträge der aktiven Sänger                        1 000 000, 00 Mark

Einnahme vom Konzert                                                      25 000, 00 Mark

Einnahme vom Stiftungsfest                                      3 036 650, 00 Mark

                                                                                     10 004 062 279, 53 Mark

Da der Dirigent monatlich entlohnt wurde, war bis Monatsende die Geldentwertung so weit vorangeschritten, dass er sich kaum ein Ei hierfür kaufen konnte. Um die wöchentliche Probe weiterführen zu können, wurden zusätzlich für den Dirigenten Lebensmittelsammlungen gehalten.

Das Ergebnis von zwei Monatssammlungen soll hier wiedergegeben werden:

1.       75 Eier, 15 Pfd. Mehl, 25 Pfd. Korn, 2 Brote, 1 Pfd. getrocknete Pflaumen, 1 Pfd. Butter, 1 Pfd. Zucker.

2.       4 Zentner Kartoffeln, 35 Pfd. Mehl, 50 Pfd. Möhren, 1 1/2 Pfd. Erbsen, 1 Pfd. Bratwurst, 7 Eier, 3 Brote, 1 Pfd. getrocknete Pflaumen.

Diese Opferbereitschaft mag den Willen der "Eintracht" bekunden, der ihr in schlechten Tagen oblag.

 In gleichem Zuge soll aber auch einem Verein aus der jüngeren Zeit gedacht sein, den die Einflüsse der Nachkriegszeit - wie allen seinen Brudenvereinen - das Kontra boten: dem Theaterverein "Urania" Bröl.

Von 15 jungen Leuten im August 1930 gegründet leistete er dem Dorfe in kultureller Hinsicht wertvolle Dienste.

Im Bemühen, wirklich Gutes zu leisten, davon mögen die Theaterabende der klassischen Muse Zeugnis ablegen. Aus Schillers Werken kamen: "Die Räuber" - "Kabale und Liebe" - "Wilhelm Tell" zur Aufführung.

Außer einer Anzahl Volksstücken, kamen auch zwei selbst verfasste Heimatschauspiele mit bestem Erfolg zur Aufführung.

Nicht nur die Tücken der Nachkriegszeit, sondern auch eine Rivalität zwischen zwei Vereinen setzte ihm im Februar 1953 ein jähes Ende.

Wie schon unter Happerschoß beschrieben, war die rechte Ortshälfte von Bröl dem Pfarrverband Hennef angeschlossen. Erst am 20. 1. 1870 wurde auch dieser Teil Happerschoß einverleibt, sodass Bröl von nun abgeschlossen nach Happerschoß zählte. Immerhin bedeutete der Kirchweg nach Happerschoß eine halbe Stunde Fußmarsch. Und das in Wind und Wetter!

War es Wunder, wenn Bröl seit 1895 nach dem Bau einer Kapelle trachtete? Durch die wachsende Seelenzahl glaubte man auch in Köln Unterstützung zu finden.

Folgende Zahlen mögen zum Vergleich von 1870 bis heute Aufschluss geben:

1870 zählte Bröl 261 Einwohner

1890 zählte Bröl 253 Einwohner

1930 zählte Bröl 312 Einwohner

1960 zählte Bröl 427 Einwohner

1966 zählte Bröl 542 Einwohner

1969 zählte Bröl 573 Einwohner

Im Jahre 1906 gründete Bröl seinen Kapellenbauverein. Aus Sammlungen und Stiftungen hatte sich bis zur letzten Generalversammlung, im Mai 1914, einen Kassenbestand von 803, 92 RM angehäuft. Der erste Weltkrieg, sowie die Inflation, ließ den Bestand auf den Nullpunkt zusammenschrumpfen. Erst nach dem 2. Weltkrieg erwachte der Verein zu neuem Leben. Die Sammlungen hatten wieder RM 5000, -- erbracht. Allein, die Währungsreform 1948 reduzierte den Betrag auf RM 250, --. Man appellierte an alle Bröler Bürger, trotz allem, mit dem Ausschachten auf dem Kapellenplatz zu beginnen. Aber nach paar Tagen fand sich keiner mehr ein, da ohne Geld keine Aussicht auf Erfolg bestand. Dann kam das Jahr 1949, das die Wendung bringen sollte.

Eine Pfadfindergruppe lagerte mit einem Kaplan "im Hau" und hielt dort am Sonntagmorgen einen Feldgottesdienst ab, wozu alle Bröler herzlich eingeladen waren. Nach der Messe tauchte bei einigen Brölern der Gedanke auf, diese Erleichterung irgendwie fortzusetzen. Dem Gedanken folgte die Tat. Durch Verhandlung mit dem derzeitigen Gastwirt, konnte der alte Tanzsaal - der übrigens an der Stelle der jetzigen Kirche stand - gepachtet und als Notkirche hergerichtet werden. Hierfür konnte man einstweilig den Pastor Junkersfeld i.R. gewinnen und mit der Seelsorge betreuen.

Am 11. August 1949 erteilte Kardinal Jos. Frings. Köln, zunächst für zwei Jahre die Erlaubnis, dass an Sonn- und Feiertagen im Saale eine hl. Messe gelesen werden dürfte.

Inzwischen waren Stimmen laut geworden, dass der Besitzer des Saales, Wolters, nicht abgeneigt wäre, denselben zu verkaufen. (Nebenbei bemerkt war er in sehr schlechtem Zustand). So wurde demzufolge eine Versammlung einberufen, in- welcher dieses Thema zur Debatte stand. Zunächst wurde ein Vorstand gewählt, der sich aus folgenden Mitgliedern zusammensetzte:

Heinr. Schneider, Vorsitzender/ Wilhelm Moss, Gemeindedirektor, Schriftführer/ Wilh. Schumacher, Kassierer. Als Beisitzer: Peter Kissel/Joh. Irlenborn/ Karl Müller.

Hierauf wurde dem Vorstand Ermächtigung erteilt, mit dem Wirt wegen des Kaufpreises zu verhandeln.

Inzwischen hatten sich Gerüchte gebildet, die nicht erfreulich klangen, auf die aber der Diskretion wegen nicht näher eingegangen werden soll.

Auf der nachfolgenden Versammlung - die übrigens auf der hiesigen Kegelbahn stattfand - wurde ein Kaufpreis von 12. 000 DM bekanntgegeben, der durch Spenden und Sammlungen innerhalb des Dorfes aufgebracht werden sollte. Der Wirt sähe sich dann "gezwungen" einen neuen Saal zu bauen.

Bei der Landzusammenlegung (1930) war auf Antrag des Kapellenbauvereines (im Heckelsberg, unterhalb des Friedhofs, wo jetzt die Gemeindehäuser stehen) einen Kapellenplatz ausgewiesen worden. Dieser Punkt entfachte eine heftige Diskussion. Ein alter eingesessener Bröler Bürger, seit der Gründung des Kapellenvereins Vorstandsmitglied, machte sich zum Sprecher seiner Anhänger, indem er sich dem Kauf des Saales entgegenstemmte und den Neubau der Kirche auf dem Kapellenplatz vorschlug. Er ging sogar so weit, indem er sich verpflichtete, den Rohbau für 20. 000 DM herzustellen. Jedoch, er wurde von seinen Gegnern in einem Rededuell mundtot gemacht. Seine Anhänger, auf dessen Unterstützung er gehofft, schwiegen. So kam die Zustimmung zum Kauf des alten Saales unter stürmischen Disputen zustande. Das war im Januar 1951. Und da- mit war das Fundament zur Selbständigkeit gelegt.

Schon ½ Jahre später waren die Umbauten und Änderungen soweit gediehen, dass Pfarrer Regh, Happerschoß die "Kapelle" einweihen konnte." Inzwischen hatten sich die Schulden auf 25. 000 DM erhöht. Zugegeben, dass die Opferbereitschaft der Bröler manche Hürde genommen, aber es war und blieb ein alter Bau!

Am 12. 3. 1954 wurde Pastor Junkersfeld zunächst als Hilfspfarrer und am 1. 12. 1955 als Rektoratspfarrer von Köln bestallt.

Von nun ab veränderte sich das Bild der Notkirche von innen wie außen ständig. War es heute der Altar, waren es morgen neue Bänke. Ein kleiner Turm wurde .aufgestockt und mit einem Glöcklein versehen.

Doch zuvor möchte ich noch bemerken, dass auch die weltlichen Feiern nicht zu kurz kamen. Zu diesem Zweck wurde der Saal aufgeräumt und für die Festlichkeiten entsprechend hergerichtet. Als damals der neue Tanz "der Samba" aufkam hatte man gleich einen Spitznamen zurecht: "Die Bröler Sambakirche".

Inzwischen hatte Pfarrer Junkersfeld den Bau eines Pfarrhauses erwirkt, wozu Köln einen Kostenzuschuss von 45. 000 DM bewilligte, den Rest von 2500 DM musste Bröl selbst aufbringen. Im September 1956 war das Haus bezugsfertig. Um den weiteren Aus- und Umbau der Kirche zu beschleunigen, versuchte man vom Generalvikariat Köln die Geldmittel zu bekommen. Jedoch wurden alle Anträge abgelehnt.

 Widererwarten wurde die Kirche durch einen Kölner Architekten besichtigt, der abschließend den Abbruch des gesamten Gebäudekomplexes anordnete. Schon Wochen später wurde eine Firma mit dem Bau einer neuen Kirche beauftragt. Die Veranschlagung des Kirchenbaues wurde mit DM 204.000 angegeben, die vom Generalvikariat Köln zur Verfügung gestellt wurden. Unter der Kirche sollte ein Jugendheim errichtet werden, dessen Baukosten die Gemeinde bezuschussen sollte. Der Rat der Gemeinde schloss sich dem Wunsche an und stiftete DM 3000. Der fehlende Rest sollte durch Sammlungen innerhalb des Dorfes beschafft werden.

Umfangreiche Ausschachtungsarbeiten waren erforderlich, ehe man mit dem Guss der Fundamente beginnen konnte. Am 17. August 1958 wurde der Grund- stein von Dechant Scheidt, Neunkirchen, der benachbarten Geistlichkeit, sowie im Beisein zahlreicher Bröler Bürger, gelegt.

Zügig ging der Bau der Kirche weiter. Gut 13 1/2 Monate später, am 27. 9. 1959 erfolgte die Kirchweih. Die Kirche stand, nun fehlte noch der Turm.

Dessen Finanzierung wurde durch Spenden und Sammlungen zusammengetragen, so dass ein Jahr später auch dieses Ziel erreicht war. Gleichzeitig war auch der Guss dreier Glocken ins Auge gefasst, dessen Weihe am 8. 1. 1961 stattfand.

Es muß dem leitenden Architekten bescheinigt werden, dass ihn eine glückliche Hand geführt. Nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere der Kirche weist trotz moderner Architektur harmonisch-schöne Aspekte auf, die das Alte mit dem Neuen ineinanderfließen lassen. Der Boden wurde aus glasierten Klinker- steinen geschaffen. Die Wände weiß getüncht, wogegen eine Natur-Holz-Profil- Decke den Bau sinnvoll abrundet.

Außer dem einfachen, aus Stein gemeißelten Altartisch, wäre noch das stilvolle Chorfenster zu erwähnen, welches die Himmelfahrt Mariens darstellt.

Im Anschluss an die vorgenannte Grundsteinlegung der Kirche, fand unter Pfarrer Junkersfeld die Einweihung des Kriegerehrenmals auf dem Friedhof in Bröl statt. Der Friedhof war im März 1957 schon so weit hergestellt, dass die Umbettungen von einem Teil der Verstorbenen, vom Friedhof Happerschoß nach hier erfolgen konnten. Für die Friedhofsanlagen stellte die Gemeinde weitere DM 1800 zur Verfügung. Das Holzkreuz, welches am Anfang zum Friedhof Aufstellung fand, .zierte einst den Giebel eines Hauses in Dorfmitte, ungefähr dort, wo jetzt der Dorfbrunnen ist.

Die älteren Bürger werden sich noch an die Zeit des ersten Weltkrieges erinnern, wenn durch den dumpfen Ton des Büffelhorns, die Dörfler zur Andacht an das Kreuz gerufen wurden, um für den Sieg des kaiserlichen Heeres zu beten. Das Horn ist noch im Besitz der Familie Hemmersbach.

Im Jahre 1969 erwies sich die Anlage des Friedhofs Bröl als zu klein, infolgedessen wurde derselbe erweitert.

Die dort stehende Leichenhalle wurde im Jahre 1960 vom Heimat- und Verschönerungsverein in Eigenleistung erstellt. Außer vielen Geldsammlungen und Spenden stellte die Gemeinde einen angemessenen Betrag zur Verfügung.

In Dorfmitte, da, wo einst drei riesige Kastanienbäume den alten "Eselsmarkt" beschatteten, steht heute Bröls Wahrzeichen: der Dorfbrunnen. Er wurde am 12. 9. 1964 vom Heimat- und Verschönerungsverein e.V. Bröl erbaut, und von Bürgermeister Horstmann, Allner eingeweiht.

Nachdem Bröl mit Wahnbachtalwasser versorgt war, wurde die alte Wasserleitung abgetrennt. Der Verein sah sich nunmehr gezwungen, im März 1'973, eine neue Leitung vom alten Bassin "Auf dem Hertchen" zum Brunnen zu verlegen.

Die Umrandung des Brunnens ist aus Natursteinen gebaut. Der Boden hat eine neuzeitliche Plattenabdeckung aufzuweisen. Der Brunnenaufbau besteht aus drei Säulen selbigen Materials, auf denen zwei alte Mühlsteine ruhen, so dass sich symbolisch das "Einst und Jetzt" sinnvoll vereinigen, und damit dem Dorfbild eine besondere Prägung geben.

Den Kinderspielplatz am "Steeg", den die Kinder solange vermissten, konnte vorgenannter Verein in den Jahren 1972 - 73 in Eigenleistung herstellen.

Vielen Dorfbewohner ist der 3. Juli 1953 in unliebsamer Erinnerung. An diesem Tage entlud sich über Bröl ein Wolkenbruch, welcher das gesamte Ortsbild in Minuten in einen reißenden Fluss verwandelte. Häuser und Keller hatten sich mit schlammigem Wasser gefüllt. Die Feuerwehr stand in pausenlosem Einsatz. Der Schaden war beträchtlich.

Die obere linke Ortslage von Bröl wurde unlängst noch "Lehmkuhl" genannt. Dieser Flurname entstand, als noch der Weg nach Heisterschoss in gerader Richtung führte. Dieser Weg war infolge schwerer Regenfälle im Laufe der Jahre 3 - 4 Meter tief ausgeschwemmt, wobei das Wasser den Lehm mit in die "Kuhl" führte.

Der Weg zum Rötscheid nach Happerschoß (Abzweigung vom Kapellenweg), führte früher ebenfalls in gerader steigender Richtung dorthin. Er war eben- falls 3 - 4 Meter tief ausgeschwemmt, woran der Flurname "Im Schlemmendahl" heute noch erinnert.

Als man 1928 - 30, im Zuge der Landzusammenlegung, rechts und links beider Wege die Ufer beizog, um dadurch die Ansammlungen des Wassers künftig zu verhindern, blieb den Anlieger manchen Ärger erspart. Der Flurname "Lehmkuhl" wurde durch diese Maßnahme in Wilhelmstraße geändert. Grund: In 6 Häuser wohnten 8 Personen, die auf den Namen Wilhelm getauft waren.

Wie schon erwähnt, versuchten die Gebrüder Sterzenbach den Eisen- und Bleierzbau. Eine Grube lag unmittelbar hinter der Kirche, wo noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts die Kleihalden, nebst dem eingefallenen Stollen von der Bergung Zeugnis ablegten. 1872 wurde die Grube der Unrentabilität wegen geschlossen. Total verarmt mussten die Gebrüder als Tagelöhner ihre beträchtlichen Schulden ableisten. Die Bezeichnung "Om Bergwerk" mag bis heute an die Gebrüder erinnern.

"Lang-Kuhl", so heißt eine kleine Talmulde am nördlichen Hang oberhalb Bröls, dessen Lehmerde sich besonders zur Herstellung von Ziegelsteinen geeignet haben soll. Hier hatte in den 80 er Jahren ein Kleinunternehmer, namens Junkersfeld, einen Brandofen gebaut, um mit seinem Bruder in schwerer Handarbeit, sich einen kleinen Wohlstand zu schaffen. Sie stellten damals die bekannten Feldbranntsteine her, die sich durch besondere Härte auszeichneten. Anfangs schien das Unterfangen Erfolg zu haben, dann aber mischte die Konkurrenz mit und schnappte ihnen durch Preisunterbietungen die Kunden weg. Aus den Steinen der letzten Brennungen soll die Gastwirtschaft Wolters erbaut worden sein.

Der obere Ortsteil an der Happerschoßerstraße trägt den Namen "Heckelsberg“. Diese Bezeichnung konnte überraschend durch einen Kaufakt aus dem Jahre 1849 geklärt werden. Dieser Akt, getätigt zwischen Anton Hockels einerseits und Johann Just andererseits, beurkundet den Kauf einer Parzelle von Joh. Just für 21 Taler, 4 Groschen. Somit war Anton Hockels der Besitzer jener Parzelle "Am Berg", woraus zu folgern ist, dass nach dem Flurnamen "Am Berg" später der Hockels- oder Heckelsberg benannt wurde.

Der Heckelsberger Weg war in denkbar schlechtem Zustand. Von Rinnen und Tümpel übersäht, war er für die Bauern, die mit ihren Karren den Weg nach Happerschoß und umgekehrt fuhren eine Plage. Aber auch die Kinder, die nach Happerschoß zur Schule mussten, waren zu bedauern. Sie gingen zwar nicht den alten Weg über das "Lichfeld", sondern benutzten einen ausgetretenen Pfad, der die ungefähre Linienführung der jetzigen Happerschoßerstraße hatte.

Die jetzige Straßenführung besteht erst ab 1882. Bis zu diesem Zeitpunkt bog der Weg 100 Meter aufwärts der Happerschoßerstraße - gemessen vom Walbrichweg - rechts ab und führte in ziemlich steiler Führung bis auf den Höhenrücken, wo er auf den jetzigen ausgebauten Feldweg traf, der unterhalb des Friedhofs in Happerschoß wieder auf die Straße tritt.

Der erstbenannte Höhenrücken nennt der Volksmund bis heute "Lichfeld" (Leichenfeld).

Vorgenannter Name findet in der neuen Flurbezeichnung der Gemarkung Happerschoß kein Anhang. Der Volksmund hat diesen Namen beibehalten, da früher die Leichen über das "Lichfeld" nach Happerschoß gefahren wurden.

Als Leichenwagen diente ein bäuerlicher Pferdewagen, dessen Seiten- und Kopfwände abgenommen wurden. Die Rungen wurden mit Buxbüschel geziert, während Pferd und Peitsche mit Trauerflor versehen waren. Hinter dem Wagen folgte der: Träger(in) mit der Totenkerze, anschließend die Angehörigen und dann die Begräbnisteilnehmer. Auf dem ganzen Wege wurde der Rosenkranz gebetet.

Die heutige Katasterbezeichnung lautet: "Oben in der Hanbochsbitze". Über das Lichfeld erzählten ältere Bürger: dass die Franzosen 1796 hier ein Lager er- richtet hätten. Eines Nachts wären sie von den Preußen überfallen worden und hätten große Verluste erlitten. "ES SEIN FIEL LICHENWESEN“. Darüber hinaus sollen zur Zeit der Freigerichte auf dem 'Lichfeld viele Urteile vollstreckt worden sein.

Der Weg nach Happerschoß wurde 1892 zu einer "Straße" ausgebaut, erhielt aber erst 1908 einen festen Untergrund. Dann wurde sie mit "Basaltschotter" eingedeckt und mittels Straßenwalze, die von 4 - 6 Pferden gezogen wurde, in einen befahrbaren Zustand versetzt. Jedoch rissen die Ausbesserungsarbeiten nicht ab, die durch Frostausbrüche und Hufschlag der Pferde bedingt waren. Dem Fortschritt der Zeit gehorchend, wurde der Weg in den Jahren 19 64 - 65 zu einer zweispurigen Straße erbreitert und ausgebaut. Im gleichen Zuge wurde der Walbach bis zur Bundesstraße verrohrt, desgleichen die Kanalisation verlegt, welche zu einem späteren Zeitpunkt ausgebaut werden soll.

Zu keinem Vergleich stehen die damaligen Schulverhältnisse zu denen von heute. Mussten doch die Kinder von Bröl und Allner die Schule zu Happerschoß, und die Kinder aus Müschmühle die von Bödingen besuchen.

Schon seit Jahren bemühte sich die gesamte Elternschaft, in Verbindung mit dem damaligen Bürgermeister Eich, Bödingen, um den Bau von einer Schule im Zentrum vorgenannter Dörfer. Besprechungen und Versammlungen lösten sich ab. Schließlich konnte vorgenannter Bürgermeister, in Zusammenarbeit mit Pfarrer Schröter Hennef, im Jahre 1863 zwei Grundstücke in Bröltal von den Eigentümern Wilh. Westerhausen, Müschmühle und Peter Junkersfeld aus Bröl erwerben. Damit war der Grundstock zum Schulbau geschaffen.

Vorerst waren noch große Planierungsarbeiten erforderlich; denn wo die alte Schule steht, war früher ein großer Wasserteich, der von den Rinnsalen aus dem Fuchskaulsiefen gespeist wurde.

Nach fast zweijähriger Bauzeit fand am 5. 8.1865 die Einweihung der Schule statt. An der Feier nahmen folgende Personen teil:

1.       Pfarrer Frings, Bödingen

2.       Pfarrer Kropp, Happerschoß

3.       Pfarrer Schröter, Hennef

4.       Bürgermeister Eich, Bödingen

5.       Als erster Lehrer: Jos, Küppers, Bröltal

6.       Herr Kümpel, Bröl

7.       Herr Knüttchen, Allner

Nun durften die Kinder von Bröl und Allner ab vorgenanntem Datum die Schule in Bröltal besuchen, während die Kinder von Müschmühle vor wie nach in Bö dingen unterrichtet wurden.

Der beengte Schulhof konnte 1866 von der Gemeinde durch Kauf zwei weiterer Parzellen von den Herren Dreckmann, Müschmühle und Holenfelder, Bröl, er- weitert werden. Der Platz wurde im folgenden Frühjahr mit einer Weißdornhecke eingefriedet.

Erfolglos liefen die Eltern von Müschmühle bei den Behörden Sturm, um für ihre Kinder den Besuch der Schule im Bröltal zu erreichen. Aber immer wieder wurde Absage erteilt, da die Plätze nicht reichten, um die Kinder aufzunehmen. Musste doch Lehrer Küppers bis zu seiner Pensionierung am 1. Mai 1901 85 Kinder betreuen!

Als dann endlich im Jahre 1903 durch einen Erweiterungsbau die Aufnahme der Kinder ermöglicht wurde, waren die Eltern von Müschmühle eine große Sorge los.

Interessehalber möchte ich einige Aufzeichnungen folgen lassen, die ich dem Protokollbuch der Schule Bröltal entnommen habe:

Hierin heißt es: das Jahr 1892 brachte einen außerordentlichen heiß en Sommer. In den Monaten Juli-August wurden 47 heiße Tage gezählt, wovon der 18. August eine Rekordhitze von 31 Grad im Schatten maß. Es hätte große Wassernot geherrscht, das Vieh hätte vor Hunger gebrüllt, notgedrungen hätte man es in den Wald getrieben. Die Brunnen wären versiecht, die Bäche hätten kein Wasser geführt, das Obst wäre von den Bäumen gefallen.

Am 9. August hätte man im Rheintal ein Erdbeben verspürt, welches drei Sekunden anhielt, aber gottseidank keinen Schaden angerichtet hätte.

An Hitzetagen wurden weiter verzeichnet:

am 17. August      1863                  - 31,0 Grad

am 13. August      1875                  - 34, 6 Grad

am 19. Juli              1881                   - 34,8 Grad

am 23. Juli              1910                   - 37,0 Grad

am 12. August      1938                 - 34, 0 Grad

Am 4 - 5 Februar 1909 gab es ein nie dagewesenes Hochwasser. Die Brücke am Steg wäre eingestürzt. Wegen Gleisunterspülung hätte das Bröltalbähnchen nicht fahren können. In Weingartsgasse wäre eine Herde von 500 Schafen in den Fluten der Sieg umgekommen. Tagelang wäre schulfrei gewesen.

Am 14. 1. 1938 erreichte das Hochwasser bis auf 50 cm die Höhe von 1909. Nach tagelangem, schwerem Regen, begünstigt durch starke Weststürme, stand das Hochwasser in Müschmühle am 4. und 5. Nov. 1940 bis an die Häuser. Der Schaden war groß.

Am Ingersaueler Hof wurde das Gleis der Bröltalbahn unterspült. Der Trieb- wagen stürzte mit 17 Fahrgästen in den Brölbach. Der Wagen trieb 30 - 40 Meter ab. Bis auf drei Personen, die ertranken, konnten sich alle übrigen retten.

Im Januar und Februar setzte starke Kälte ein. Es fiel 40 - 50 cm Schnee, der liegen blieb. Die Kälte lag bei 20 - 21 Grad. Die Eisdecke war 50 - 60 cm dick.

Im Februar fing es an zu tauen, worauf Eisgang einsetzte. Die Schollen hatten einen Durchmesser von 4 - 5 Meter und waren 60 cm dick. Der Winter 1946 - 47 war zunächst mild, es gab viel Regen. Dann setzte starker Frost ein. Flüsse und Bäche waren von einer dicken Eisdecke überzogen. Ende Februar setzte plötzlich Tauwetter ein, das Eis zerbarst in große Schollen, staute sich zu Berge, wodurch der Brölbach gestaut und alles überschwemmte! Müschmühle war wieder am meisten betroffen. Um eine Katastrophe zu verhindern, wurden Sprengkommandos eingesetzt, die die Eistürme sprengten. Dass hier etwas geschehen musste, darüber waren sich auch die Behörden im Klaren. Wie atmete Müschmühle auf, als im Sommer 1949 der Damm um 2 Meter erhöht wurde, der den Ort künftig vor Hochwasser schützen sollte. Gleich- zeitig wurde auf der Dammkrone ein Weg angelegt. Die Arbeiten waren am 15. 9. selbigen Jahres beendet.

Hiernach möchte ich noch eine statistische Aufstellung folgen lassen, die von Interesse sein dürfte. Stichtag ist der 15. Oktober 1937.

F = Fachwerk

St = Steinbau

Allner

Bröl

Müschmühle

Bröltal

Häuser

39 F / 30 St

43 F / 33 St

11 F / 75 St

1 F / 5 St

Familien

88

98

25

7

Einwohner

357

341

73

22

Bauern

1

10

Hühnerfarm

1

Gewerbebetriebe

5

15

1

-

Beschäftigte

76 M / 14 F

49 M / 17 F

16 M / 2 F

4 M / 1 F

Gasthäuser

2

2

-

-

Pferde

4

19

-

1

Kühe

13

66

10

3

Ziegen

53

46

12

3

Beamte

3

3

-

1

 

Mit Zunahme der Bevölkerung wuchsen auch die Kinderzahl und damit der Mangel an Klassenraum. Seit dem 1.10.1947 war die Schule Bröltal dreiklassig, es wurde aber in zwei Klassenräumen unterrichtet. Aus dem steten Anwachsen der Schülerzahl sah man sich gezwungen, einen dritten Erweiterungsbau zu schaffen.

Am 26. Mai 1953 wurde hierzu der erste Spatenstich getan, worauf am 7. Juli der Grundstein gelegt wurde. Das Zeremoniell führte Pfarrer Regh, Happerschoß. Nach zügigem Aufbau wurde die Schule am 15. 2. 1954 eingeweiht. Der Erst- und Altbau diente schon seit 1903 als Wohnung.

Am 15. Mai 1954 besuchten 120 Kinder die Schule, die sich auf 62 Jungens und 58 Mädchen aufteilte.

Die achtklassige Volksschule bestand bis zum 31. 7. 1968. Sie teilte sich in 59 Jungen und 69 Mädchen, insgesamt 128 Kinder, auf.

Ab 31. 7. 1969 wurden in der Grundschule Bröltal noch 64 Kinder unterrichtet, davon 33 Jungen und 31 Mädchen.

Dass die Schule Bröltal ein Stempel historischer Prägung trägt, ist wohl vielen Bewohner unbekannt.

Es war im Jahre 1909. An einem schwülen Sommerabend wanderte eine Gruppe junger Burschen, geführt von ihrem Lehrer, durch das Bröltal. Da Gewitter- Wolken aufzogen, spornte der Lehrer die Burschen zur Eile an, um frühzeitig ein Obdach zu finden.

Als die ersten Tropfen fielen, war man gerade an der Schule, klopfte an der Lehrerwohnung an und bat um Unterkunft in der Schule. Diese wurde gewährt. Inzwischen war es dämmerig geworden, der Regen wollte kein Ende nehmen. Die Lehrersfrau brachte es nicht über sich, die Gruppe in die Nacht zu schicken. Kurz entschlossen schaffte sie mit den Jungens Stroh herbei, um in der Schule ein Lager für die Nacht herzurichten. Dann brachte sie ihnen Kaffee und wünschte allen eine gute Nacht. Nach dem Abendbrot legten sich alle nieder, man war des Wanderns müde. Nur einer konnte keine Ruhe finden, es war der Lehrer. Ihn jagten die Gedanken auf der Suche nach einer Idee, bis er endlich um Mitternacht ermattet einschlief.

Als die Wanderer andern Morgens Abschied nahmen, ahnte noch keiner, dass in dieser Nacht in der Schule Bröltal das Jugendherbergswerk, welches später weltumspannende Formen annahm, geboren war. In einem Brief an den der- zeitigen Lehrer der Schule schrieb jener Lehrer unter anderem:

". . . Ich darf wohl annehmen, dass Sie das von mir gegründete Jugendherbergs- werk kennen. Vielleicht ist Ihnen aber nicht bekannt, dass ich die Idee für das heute weltumspannende Werk in Ihrer Schule bekommen habe. Es war am 26. August 1909. Ich fand mit meinen Schülern bei einem Landwirt daselbst leider keine Unterkunft, wohl aber in der dortigen Schule. Das nötige Haferstroh für das Lager lieferte uns Landwirt Küppers. Am Abend tobte ein schweres Gewitter. Ich habe die Nacht fast schlaflos verbracht, so stark beschäftigte mich die Idee, für ein allgemeines Deutsches Jugendherbergswerk. ".

Soweit sein Brief. Dieser junge Lehrer hieß Schirrmann, Er ist der Gründer des Deutschen Jugendherbergswerk. Die erste Herbergsmutter der Welt ist die Lehrersfrau Gerling, deren Gemahl damals die Schule führte.

Herr Lehrer Schirrmann, aus Grävenwiessbach, wurde, wenn auch verspätet, vom Bundespräsident, Professor Heuss, zum Ehrenvorsitzenden des Deutschen Jugendherbergswerks ausgezeichnet.

Gleich hinter der Schule, in der Fuchskaul (Fusszohl), steht das Bröltaler Waldkapellchen. Vorgenannte Flurbezeichnung soll von den vielen Füchsen her- rühren, die mit ihren Gängen und Höhlen die Gegend unsicher machten. In einer Gruppe von hohen Fichten, beschirmt von einer alten, knorrigen Eiche, steht der kleine Bruchsteinbau. Hier bietet sich dem Verehrer ein stilles, schattiges Plätzchen zum Ausruhen, zum Verweilen.

Das Kapellchen wurde am 15. 8. 1931 von Pfarrer Hermkes Happerschoß, dem hl. Judas Thaddäus geweiht.

Es fand mit den Jahren viele Verehrer, wovon die vielen Marmortäfelchen, rechts und links im Innern der Kapelle Zeugnis ablegen. Erbaut wurde das Kapellchen von Lehrer Gerling, der ab 28. 10. 1907 an der Schule in Bröltal tätig war.

Wir wandern den Kapellenweg zurück über Bröl in Richtung "Am Steeg". Damals führte hier ein 1 Meter breiter Fußgängersteeg über den Brölbach, welcher aus zwei langen Fichtenstämmen, mit Holzgelände und Knüppelboden bestand. 1902 wurden die Fichtenstämme durch Eisenträger und Beton ersetzt.

Infolge des Hochwassers im Jahre 1909 wurde die Hälfte der Brücke fortgerissen. Sie wurde durch Fichtenstämme wieder gangbar gemacht. Ende des 2. Weltkrieges war das Brückchen dem Einsturz nahe. Man organisierte zwei Kanonenrohre, die als Träger dienten. Das Holz für Gelände und Boden wurde aus Gemeindewaldungen beschafft. Die Brücke erreichte eine Breite von 2 Meter und war damit erstmals mit einem Pferdefuhrwerk befahrbar.

1960 wurde die jetzige Spannbetonbrücke gebaut, die im September selbigen Jahres ihre Einweihung erfuhr.

Die Lagebezeichnung "Am Steeg" wurde beibehalten. Sie erinnert nicht nur an das kleine Brückchen, sondern auch an die alte Bank, die “Liebesbank" genannt, die von drei mächtigen Kastanienbäumen beschattet wurde.

Ein uraltes Holzkreuz, das an einem der Bäume befestigt war, nickte den Verliebten das Ja und Amen zu.

Wenn die Romantik von einst auch längst entschwunden, so ist die Stätte der Erinnerung noch geblieben: "Die Liebesbank am Steeg“.

Wählen wir einen der schönsten Wanderwege von Bröl durch den "Hau" (einst der alte Weg genannt), begleiten uns Lichter und Schatten, Wiesen und Wälder, plätschernde Bächlein, die dem Wildbach, die Bröl, ihre Reverenz erweisen. Nachdem wir die altersschwache Steinbrücke, die über den Derenbach führt, passieren, sehen wir uns plötzlich einem bekannten, sagenumwobenen Berg gegenüber: Dem RENNENBERG